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10.12.2014

Virtuelle Streifzüge durch ein Land der Dichter und Denker

von Wolfgang Hirsch TLZ

Wielands Wohnräume in Oßmannstedt: Dieser literarische Hotspot findet vorerst nur unzureichende Erwähnung im neuen Portal. Foto: Peter Michaelis

Der Thüringer Literaturrat benötigt noch viel tatkräftige Hilfe bei seinem ehrgeizigen Internet-Projekt.

Weimar. Endlich, im Zeitalter der eBooks und Literatur-Apps, hat der Thüringer Literaturrat nachgerüstet: Seit kurzem ist die Internet-Site www.literaturland-thueringen.de freigeschaltet und dient als eine Art virtueller Reiseführer durch hiesige Landen. Auf mehreren Ebenen vermittelt das Portal glaubwürdige Informationen über Dichter und Denker, die hier zugegen waren oder sind, sowie über Orte, die sie inspirierten. Das ist liebevoll, sinnhaft und verständlich aufgemacht - bloß mit einer Eigenschaft kann die Site noch lange nicht dienen: einer auch nur annähernden Vollständigkeit.

Darauf wollte Jens Kirsten, Geschäftsführer des Literaturrates nicht "bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten", denn natürlich ist und bleibt ein solches Projekt stets "work in progress". Zu Anfang halfen die Sparkassen-Kulturstiftung mit der Finanzierung des technischen Equipments sowie der Mitteldeutsche Rundfunk.

Gleich die Startseite informiert über aktuelle Veranstaltungen wie Lesungen oder literarische Spaziergänge, in der Themenrubrik finden sich unter anderem Ortsporträts und eine chronologische Gliederung nach Epochen, aber erst der Kalender gibt einen umfänglichen Überblick über Aktivitäten in der Szene: Zumal Ausstellungen wie "Restaurieren nach dem Brand" in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar oder "Der Rabe und die Rübe" über unbekannte Märchen der Brüder Grimm im Romantikerhaus Jena sind dort verzeichnet.

Natürlich lugen Germanisten zuerst auf den Personen-Index. Mehr als 150 Kulturgrößen finden sich dort bereits verzeichnet - von der Weimarischen Klassik-Quadriga zurück zu den legendären Minnestrategen beim mittelalterlichen "Sängerkrieg" auf der Wartburg und wieder voran auf der Zeitleiste bis zu den Wondratscheks und Wolfs unserer Tage. Die Erfurterin Nancy Hünger - um bei den Zeitgenossen zu bleiben - ist bereits verzeichnet. Bloß den prominentesten derzeit in Thüringen lebenden Dichter, den eigenen Vater,... - nein: hat Jens Kirsten selbstverständlich nicht vergessen. Der Breitbach-Preisträger Wulf Kirsten werde mit einem Porträt in mehreren Kapiteln auf dem Portal in Kürze ergänzt, verspricht er. Auch der in Gera geborene und aufgewachsene Lutz Seiler, dieses Jahr mit dem Deutschen Buchpreis für "Kruso" geehrt, fehlt vorerst in der Liste. Dabei hat er sich in frühen Gedichten "Pech & Blende" mit dem Uranbergbau in der Wismutregion auf wunderbar sinnlich-subtile Weise befasst.

Jens Kirsten mag verständlicherweise nicht alle Lemmata selbst betreuen, "sonst würde alles nach Kirsten klingen", erklärt er. Stattdessen hofft er auf Wikipedia-ähnliche Hilfe von erdenklichen Dritten: Sein Appell richtet sich an Schulklassen, Ortschronisten und Literaturbegeisterte, um buchstäblich weiße Flecken auf der (virtuellen) Landkarte zu tilgen.

Noch ziemlich unterbelichtet ist beispielsweise der Buchenwald-Komplex. Zwar wird diese Zone des Grauens mit einem Überblicksartikel von Martin Straub gewürdigt. Darüber jedoch, dass im Konzentrationslager u."a. Bruno Apitz ("Nackt unter Wölfen"), Imre Kertész ("Roman eines Schicksallosen"), Jorge Semprún ("Die große Reise") und Eugen Kogon ("Der SS-Staat") inhaftiert waren, würde der virtuelle Wanderer unbedingt mehr erfahren wollen.

Andererseits Oßmannstedt. Auch hier findet sich fürs erste nur ein kurzer Beitrag von Detlef Ignasiak, der das "Rittergut" Christoph Martin Wielands überblicksartig würdigt und dessen Gäste aufzählt. Aber wie gerne würden wir an dieser Stelle die Anekdote erfahren, wie dort am Kamin ein junger, desorientiert durchs Leben streifender Autor dem Patron Verse aus seinem Dramenerstling "Robert Guiskard" vorträgt und eindringlich zur Dichtung ermutigt wird - Heinrich von Kleist. Oder wie ein anderer, der sich 1802 von Leipzig aus auf den Weg zu seinem famosen "Spaziergang nach Syrakus" macht, in Oßmannstedt vom Herausgeber des "Teutschen Merkur" um ein Mandat zur Berichterstattung bittet - Johann Gottfried Seume.

Wer ein bisschen schnobert und stöbert, entbehrt außerdem Namen wie Tankred Dorst, Gustav Freytag oder gar Börries von Münchhausen; letzterer war trotz seiner bekennenden Nähe zum NS-Regime ein allemal beachtlicher Balladendichter. Derart heikle Fälle will Kirsten keineswegs verschweigen. Walter Flex ist zumindest in der Ortsübersicht Eisenachs erwähnt.

Hingegen findet sich im Portal der mutmaßlich bedeutendste postmoderne Romancier und Dramatiker deutscher Zunge: Thomas Bernhard. Die Episode, wie er 1941 als zehnjähriger Bub aus Oberösterreich in ein NS-Erziehungsheim nach Saalfeld verschickt wurde, ist der brillanten Bernhard-Kennerin Annelie Morneweg zu verdanken.

Ihr Vorbild zeigt eindringlich: Wir alle - nicht nur die Legion an Germanisten im Lande - müssen dem Literaturrat bei seinem hehren Projekt zur Seite stehen. Dann könnte man auf dem Portal auch leicht auf die Nennung von Musikern und Malern verzichten. Und dann macht die fürs nächste Jahr avisierte App umso mehr Sinn.

http://www.literaturland-thueringen.de/