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23.02.2013

Villa Rosenthal in Jena: Mit Tatendrang wider den Verfall

von Luise Schendel TLZ

Die Jenaer Villa Rosenthal stellt ihre zwei neuen Stipendiaten Yunyi Liu und Ulrich Schlotmann vor. Sie erhalten mit dem Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendium sechs Monate Aufenthalt in Jena und 1000 Euro monatliche Förderung.

Jena. Leere Häuser sind ihre Leidenschaft. Graue, rote, braune, die junge Asiatin ist da nicht sehr wählerisch. Aber Charme und Atmosphäre sollten sie haben, eine eigene Aussagekraft entwickeln, die die Sehgewohnheiten der Rezipienten zu erweitern im Stande ist. Yunyi Liu heißt die 31-jährige Neu-Stipendiatin des mit 1000 Euro im Monat dotierten Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendiums, die in der Jenaer Villa Rosenthal von ihren Fotoarbeiten und ihrer Inspiration berichtet. Von hier aus sollen sie und andere Stipendiaten ein halbes Jahr lang ihre Kreativität entfalten und in Kontakt mit der regionalen Künstlerszene treten. Im Juni wird eine Ausstellung in der Villa Rosenthal den Jenaer Aufenthalt Lius krönen.

Vor allem die abbruchreifen, verwahrlosten Architekturruinen mit ihren zerbrochenen Scheiben und vernagelten Türen haben es der Künstlerin angetan, die 2007 aus ihrem Heimatland Taiwan nach Halle kam, um sich intensiv den Spuren zu widmen, die die Menschen an den Bauten hinterlassen haben. Bereits in Taiwan war Liu den ästhetischen und metaphorischen Merkmalen von Bau-Substanzen auf der Spur. Sie studierte Häuserreihen und Großkomplexe in geradezu statischen und gleichzeitig eindrücklich fragil erscheinenden malerischen und fotografischen Objekten.

Damals lernte sie noch die Gestaltung in Öl an einem College, an dem auch die zeitgenössische deutsche Kunst gelehrt wurde. Fasziniert von den europäischen Ästheten schlug sie selbst einen künstlerischen Weg ein, der die junge Frau schließlich zu einer ganz eigenen, menschenbefreiten Werkästhetik, irgendwo zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, führte.

Pseudo-Utopien und taktvolle Prosa

Als Meisterschülerin an der Burg Giebichen­stein und unter mehr als hundert Bewerbern von einer fünfköpfigen Expertenjury ausgewählt, ist sie auch in Jena für die nächsten Monate der Schönheit versehrter Gebäude und dem erkennbaren Fluss der Zeit auf der Spur. Fotoarbeiten wolle sie machen, erklärt Liu, gemeinsam mit Studenten die letzten unsanierten Gebäude in der Stadt erkunden, um deren standhaftes Vermächtnis unter dem Projekttitel "Stadtgeist" zu offenbaren. Ergänzt werden sollen diese traurigen bis amüsanten Zeugnisse der Vergangenheit und Pseudoutopien einer nahen, sich selbst überlebenden Gesellschaft und deren Materialkultur durch Textstücke surrealer Traumstädte, die den sonst fast gespenstisch leblosen Fotografien nachhaltig ein unheimliches, aber intensives Leben einhauchen.

Der Bewusstseinserweiterung, der konsequenten Aufkündigung normierter und bequem gewordener Werkinhalte und -formen widmet sich auch der zweite Jenaer Stipendiat. Der gebürtige Sauerländer Ulrich Schlotmann ist seit den frühen 80er Jahren dem Textverständnis der jetzigen und vergangener Generationen auf der Spur. Und scheut sich nicht, den Finger in die Wunde althergebrachter Belletristik zu legen. Wo sich die Möglichkeit bietet, dem realistischen Roman literarisch ein Bein zu stellen, ist er mit Stift und Papier zu Gange, um seine neue Form der Prosa an den Leser zu bringen. Und die enthält Texte kunstvoll aneinander gereihter Lebendigkeit, die jedes Element des Seins mit taktisch fließenden Satzfragmenten zum Tanzen bringen.

Auch wenn die letzthin wahrscheinlich 250 Seiten umfassende Stipendiatenarbeit "Die Hub-, Schub- und Zugkräfte der Statik. Band Eins" kein Buch für den Nachttisch werden wird, soll sie doch eine Möglichkeit darstellen, sich und die Umgebung mittels ungewöhnlicher Absätze und abstrakt eingepasster Satzzeichen mit neuen Augen zu sehen. Die Konzepte beider Künstler lassen insgesamt viel erwarten, nicht zuletzt völlig neue Einblicke in den Mikrokosmos Jena. Die Umsetzung dürfte den Stipendiaten dank der Kleinheit der Universitätsstadt jedoch eine große künstlerische Leistung abverlangen.

Künstlergespräch und Lesung am 5. März, 19 Uhr, in der Villa Rosenthal