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07.11.2003

Viertausen Bücher aus New York werden eines aus Berlin

von Reinhard Querengässer Ostthüringer Zeitung

Steffen Mensching liest aus seinem neuen Roman "Jakobs Leiter"

Von OTZ-Redakteur Reinhard Querengässer Jena. "Muss man viertausend Bücher kaufen, nur um eines zu schreiben?!"

Diese Frage seiner Schwiegermutter hat der Schriftsteller Steffen Mensching letztlich dann doch bejaht. Und kaufte dem alten Antiquar Jakob in Manhattan, New York, der sein Freund wurde, den Ladeninhalt ab. Kam damit aus der brüllenden Gegenwart des Jahres 1998 in "Big Apple" zurück in still gewordene deutsche Vergangenheit. Denn Schatzgräber Mensching hatte eine Emigranten-Bibliothek mit deutschen Büchern entdeckt. Die ließ ihn nicht mehr los, weil sie die Geschichte in Geschichten barg. Wie hatten sich all diese dicken und dünnen, großen und kleinen, die kostbaren und anspruchslosen Bände hier versammelt? Wer waren ihre einstigen Besitzer, und was wurde aus ihnen? Steffen Mensching betrieb zwei Jahre Spurensuche. Er entschlüsselte Handschrift-Notizen, wälzte alte Adressverzeichnisse, stöberte in Archiven und Museen. In detektivischer Arbeit fand er Schicksale heraus, die vor zweihundert und mehr Jahren begannen und die bis in die Jetztzeit reichen. Die meist mit Vertreibung einher gehen, mit Verfolgung, oft mit gewaltsamen Tod. Deutsche jüdische Schicksale, die er in seinem Roman kunstvoll verschränkt mit denen noch lebender Zeitzeugen. So mit dem von Hilde Berger, der Neunzigjährigen, die Schindlers Liste tippte und ihm als Allerersten davon erzählte. Und zuließ, dass er sie auch als Erster in "Jakobs Leiter", erschienen im Berliner Aufbau-Verlag, weiter erzählte. Mensching, ein besessener Sammler von Geschichten, kann diese eindringlich und spannend schreiben. Er kombiniert die Vielfalt des Vorgefundenen und von ihm Dazugefundenen mit selbst Erlebtem und schlägt so als Erzähler die Brücke vom Vergangenen ins Gegenwärtige. Aus dem Geschichtenpanorama wächst das Geschichtsbild.

Was dem Autor bei Lesungen zu Gute kommt: mit seiner darstellerischen Erfahrung, seiner akzentuierten Sprache schlägt er die Hörer in Bann, sein Witz, seine Ironie machen auch die frei gesprochenen Passagen zum Vergnügen. Klar, man muss nicht 4000 Bücher kaufen und in die Dichterwohnung in Berlin buckeln, um einen Roman zu verfassen. In diesem Fall war es aber die beste aller Möglichkeiten.