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01.10.2011

Vielgestaltiger Blick in die Tiefen und Untiefen eines Landes. - Zur Buchpremiere stehen frisch gedruckte Bücher im Autobahn-Stau

von Anne Gallinat Ostthüringer Zeitung

 

Ranis. Eine Buchpremiere ohne Buch ist eher selten. Während am Donnerstagabend auf Burg Ranis die Anthologie „Mehrfachbelichtung – Rumänische Erkundungen“ präsentiert wurde, standen die frisch gedruckten Bücher bei Würzburg im Stau.
Das muss wohl so sein, wenn Rumänien im Spiel ist, meinte Andreas Berner scherzhaft, als er die Veranstaltung als Initiator eines ungewöhnlichen Projekts eröffnete. Zwei Expeditionen führten Künstler 2009 und 2010 nach Rumänien.
Warum Rumänien? „Weil die Narben von Krieg und Vertreibung, die das 20. Jahrhundert kennzeichneten, hier offen zutage liegen“, schreibt Verleger Helge Pfannenschmidt im Vorwort. Aus den Künstlerreisen wurde ein Buchprojekt des Lese-Zeichen e. V. Jena, das von der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen gefördert wird.
Die Mehrfachbelichtung ist ein fotografisches Verfahren. In der vorliegenen Anthologie verbinden sich verschiedene Sichtweisen. Rumänien wird im Sinne des Titels „mehrfachbelichtet“. Im Ergebnis wird ein Blick in Tiefen, in Untiefen des Landes vielgestaltig eröffnet.
Das Buch vereint Texte von elf Autoren und Fotografien von Andreas Berner. Vier Autoren haben am Donnerstagabend Texte vorgestellt. Daniela Boltres, Marius Koity und Werner Söllner sind in Rumänien geboren und nach Deutschland eingewandert sind. So verschieden die Texte der Autoren und ihre Sicht auf Rumänien waren, eins war allen gemeinsam: eine große Traurigkeit.
Daniela Boltres schreibt rumänisch, siebenbürgisch-sächsisch und deutsch. Ihre Lyrik ist sinnlich-erdhaft. Man meint den Geruch von Heu wahrzunehmen, wenn von der „Grummet“, der zweiten Heumahd, die Rede ist. Es ist der Geruch einer vergangenen Zeit. Vieles ist verloren gegangen. Erinnerungen bleiben.
Marius Koity hat in einer Reportage seine Erfahrungen mit dem Geheimdienst Securitate festgehalten, ein Angsterlebnis, von dem er seinerzeit meinte, dass er nie würde darüber sprechen können. Er tut es und erzählt u. a., dass Offiziere selbst Liebesgedichte für politisch verdächtig hielten.
„Nichts ist gekommen, wie /Wir es wollten. Alles ist anders gekommen.“ Das sind zwei Gedichtzeilen von Werner Söllner, die sinnbildlich für die Texte, für den Abend auf Burg Ranis stehen könnten. Nachdenklich sind seine Gedichte – Lyrik, die weh tut und weh tun muss.
Daniela Danz hat Schülern des Brukenthalgymnasiums in Sibiu (Hermannstadt) eine knifflige „Schreibaufgabe“ gegeben. Ein Engel will die Pforten des Heimatlandes überschreiten und wird mit einem Wächter konfrontiert. Darf er hinein? Das Ergebnis ist erstaunlich. Es macht erschrocken. „Wem ist noch zu helfen?“ So endet einer der Texte.