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17.06.2003

Viele Richter haben sich von PDS-Vorwurf beeinflussen lassen

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Das müsste in unseren Schulen zum Pflichtfach werden, sagte ein Mittdreißiger am Sonntagnachmittag auf der Burg Ranis. Der Besucher der Thüringer Literatur- und Autorentage war beeindruckt von dem kurz zuvor Gehörten, von einer Doppellesung, in deren Mittelpunkt (deutsch-)deutsche
Geschichte stand. Roman Grafe stellte seine im Siedler Verlag erschienene Dokumentation Die Grenze durch Deutschland-Eine Chronik von 1945 bis 1990 vor und Ines Geipel ihren Roman Das Heft aus dem Transit-Verlag.
Grafe entlarvte am Schicksal einer aus Grimma stammenden jungen Frau, die 1973 an der deutsch-deutschen Demarkationslinie durch eine Mine ein Bein und durch Schüsse ihren aus Ungarn stammenden Freund verlor, die
Unmenschlichkeit und Verlogenheit des SED-geführten Systems in der DDR.
Geipel schilderte Grenzerfahrungen und Erfahrungen an einer Grenze in einfühlsamer, lyrischer Prosa - ihre eindringlichen Bilder bleiben einem lange im Gedächtnis. Die Bücher der beiden Autoren gehören zu den bedeutendsten, die bei diesen Literaturtagen in Ranis vorgestellt
werden.
Diskussionen im Plenum sind kein Usus bei den Literaturtagen, die beiden Autoren ahnten jedoch ein solches Bedürfnis und boten daher ihrem 100-köpfigen Publikum den Gedankenaustausch an. So ging Roman Grafe u.a.
auf das Unverhältnis zwischen den rund 1000 Toten an der innerdeutschen Grenze und den nur wenigen zu Haftstrafen verurteilten Tätern ein. Der politisch motivierte Mord ist der bessere, schließt Roman Grafe im Ergebnis der Grenzschützenprozesse und der deutschen Tradition im 20.Jahrhundert.
Dass Hinrichtungen an der Grenze strafrechtlich sehr freundlich verfolgt wurden, habe mehrere Ursachen. So hätten sich auch westdeutsche Richter vom PDS-Vorwurf der Siegerjustiz beeinflussen, quasi einschüchtern lassen.
Und die Staatsdiener des vereinten Deutschlands hätten ein fragwürdiges Verständnis für die Staatsräson der DDR aufgebracht. Die juristische Aufarbeitung der DDR ist vollständig missglückt, fand Ines Geipel. Die PDS ist die Interessenvertretung der Täter, resümierte Roman Grafe nach der Lesung gegenüber OTZ.
Wann werden die Leichen, die unter den Teppich gekehrt wurden, wieder auftauchen?, fragte ein Raniser mit dem Hinweis auf die späte Aufarbeitung der NS-Zeit. Während Ines Geipel u.a. meinte, dass es eine Frage der
Vermittlung sei, sieht Roman Grafe die Gesellschaft in der
Verantwortung.
Er findet nicht, dass etwas unterdrückt werde, schließlich sei eine Vielzahl von Büchern zur Geschichte der DDR und Diktatur auf dem Markt.
Was fehlten, seien Leute, die diese Geschichte wahrnehmen wollen. Die Leser müssten entscheiden, was ihnen wichtiger ist: Bücher wie Die Grenze... und Das Heft oder Werke von Gregor Gysi und Markus Wolf, denen zum Status von
Bestsellerautoren verholfen wurde. Einige Besucher der denkwürdigen Lesung setzten Akzente und besorgten sich etwa Die Grenze... gleich vor Ort.
Und wie zu hören war, soll Roman Grafe am Sonntag nicht zum letzten Mal in der Region gelesen und diskutiert haben. Für eine Unterrichtsstunde in deutsch-deutscher Geschichte will ihn eine Pößnecker Schule gewinnen.