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03.11.2010

„versteinern beginnt immer an den ohren“

von Martin Straub

In Grundgestus des jüngsten Lyrikbandes von Lutz Seiler ist die Bewegung, die Wanderung durch innere und äußere Landschaften. Dabei spielen die seiner Kindheit im Ostthüringer Raum und die seines heutigen Wirkens in Brandenburg eine besondere Rolle. Und wenn man in diesem Zusammenhang von Erinnern spricht, sind es wohl nicht so sehr die äußeren Fakten von Lebenstatsachen und Landstrichen, die ins Bild gesetzt werden. Sie stammen nicht aus dem „archiv glatter überlieferungen“. Seilers Verssprache bringt das Verborgene ans Licht. Es „sind weiche winzige fingerzeige“, abgelauscht der Sprache der Dinge. Als ob da wie in einem Traum Sprache und Landschaft ineinander gehen. So werden Dinge hörbar und sichtbar, die einem pragmatischenAlltagssinn verschlossen bleiben. Legenden werden erzählt, wie jene von „aranka,/die aus kniekehlen gesungen hat“ oder von dem versunkenen Dorf Culmitzsch, das dem Raubbau der Wismut zum Opfer fiel. Auch Seilers Landsfrau, Annerose Kirchner, schrieb über dieses Dorf. Lutz Seilers lyrisches Erzählen, das sich an die Sinne wendet und den Leser auffordert, sie zu gebrauchen, lässt die harsche Wirklichkeit nicht außen vor. Oft sind es schmerzliche Erinnerungen, die wir aus einerWelt zwischen Traum und Wachsein vernehmen. Wir hören auf die dem Rauschen der Bäume inne wohnenden Kundschaften und hören auf die Sprache des Sandes. So entdeckt der Leser mit dem Dichter den Bedeutungsacker einer Sprache, x-Mal umgebrochen und neu gesät und kommt so auf einen Grund, den er schon längst, auf brüchigem Boden stehend, vergessen hat. Lutz Seiler Lutz Seiler: „im felderlatein“. Gedichte Suhrkamp. 99 Seiten, 14,90 Euro