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04.08.2006

Verstehen ist besser als richten

von Kathrin Schulz Ostthüringer Zeitung

Der Greizer Lyriker Günter Ullmann feiert heute seinen 60. Geburtstag

Von Kathrin Schulz Greiz. Wenn Günter Ullmann in seinem kleinen Arbeitszimmer sitzt und arbeitet, dort, wo der Kirschbaum vorm Fenster steht, dann ist er wirklich frei. Hier lebt er auf, raucht und philosophiert, bringt spontan Gedanken zu Papier. Manchmal, so sagt er, steht er auch nachts auf, arbeitet intuitiv. "Ohne Fanatismus, der beim Politiker gefährlich ist, kommt der Künstler nicht aus", ist der Lyriker, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, überzeugt.
Vieles aus der Biografie dieses rebellischen Geistes, der erstmals wegen seines Protestes gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in der CSSR verhaftet wurde, später gegen die Abschiebung von Reiner Kunze und die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte und ständig im Visier der Stasi lebte, ist bekannt. Das Publikationsverbot für einen, der etwas zu sagen hat, und die ständige Überwachung machten ihn krank.

Über 22 Bücher hat er geschrieben. Erst nach der Wende konnten sie veröffentlicht werden. "Ich hatte immer wieder unwahrscheinliches Glück, eine Frau und eine Familie, die mich immer wieder aufgefangen haben", betont Ullmann in einem Gespräch an einem sonnigen Juli-Vormittag in seiner Irchwitzer Wohnung. Zum 1. September wird er in den Ruhestand gehen. In der Kulturabteilung der Greizer Stadtverwaltung und im Heimatmuseum im Unteren Schloss hat er zuletzt gearbeitet. "Leben ist das Lösen von Problemen", sagt er. "Man muss sich neuen Problemen stellen, ohne die alten zu vergessen." Günter Ullmann ist froh, dass die DDR mit Schießbefehl und 250 000 politischen Gefangenen überwunden ist.

Er plädiert für einen sehr vorsichtigen Umgang mit den Stasi-Akten. "Man muss auch verzeihen können. Verstehen ist besser als richten." Er sagt aber auch: "Wer Dreck am Stecken hat, muss nicht immer die erste Geige spielen." Und er blickt zurück in die Wendezeit: "Wir wollten eine bessere DDR, demokratischen Sozialismus. Doch, das, was wir wollten, wäre Utopie."

Froh ist der Lyriker darüber, dass wir ein Deutschland haben, auch wenn diese Ehe ihre Nachteile habe. Sein Traum: Demokratie nach Mehrheitsprinzip - wer mehr verdient, muss auch mehr abgeben. "Es kann nicht sein, dass Gewinne grenzenlos sind."

Die Zeit im Ruhestand wird ihm mit Sicherheit nicht langweilig, versichert der 60-Jährige. An Projekten im Heimatmuseum möchte er mitarbeiten. Zum einen geht es ihm um Johannes Berthold, einen Maler und Bauhauskünstler aus Greiz, der in eine Ausstellung mehrerer Künstler eingebunden werden soll. Des Weiteren geht es um eine Exposition zu Abhörtechniken der Stasi und Zeugnissen unterdrückter Literatur in der DDR. Und natürlich wird Ullmann schreiben. Unter dem Titel "Der alte Schlüssel für den neuen Garten" entsteht der dritte Teil seiner Erinnerungen. Dort, im kleinen Arbeitszimmer der Irchwitzer Wohnung, wo der Kirschbaum vorm Fenster steht. Und wo sich sein in einem strengen Winter aufgenommener Kater "Purzel-Tiger" seine Streicheleinheiten abholt.Ohne Fanatismus, der beim Politiker gefährlich ist, kommt der Künstler nicht aus.