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20.05.2010

Verse vom Rest

von Henryk Goldberg Thüringer Allgemeine

Der Weimarer Lyriker Jan Volker Röhnert erhielt das Thüringer Literaturstipendium. Foto: Candy Welz

Bereits zum zweiten Mal gelang dem Land, was die Stadt nicht vermochte: eine Ehrung des Erfurter Schriftstellers Harald Gerlach.

Denn ohne Zweifel ist es eine Freude, für den, der dieses Stipendium erhält, und eine Ehre für den, dessen Namen es führt. Der 2001 verstorbene Harald Gerlach darf wohl als der, nächst Reinhard Lettau, bedeutendste Schriftsteller gelten, den die Stadt Erfurt hervorgebracht hat, was angemessen zu würdigen ihr allerdings bis auf den Tag nicht gelang. Dies tut das Land, indem es sein Literaturstipendium es wird für ein Jahr vergeben und ist mit 12.000 Euro dotiert , nach Harald Gerlach benannte und es durch den jeweiligen Minister übergeben lässt, gestern war das Christoph Matschie . Und unausgesprochen schwingt da immer auch der Name des Schriftstellers Ingo Schulze mit. Denn der stiftete sein Preisgeld und beteiligt sich so drei Jahre lang mit je 2000 Euro an diesem Preis. Der Umstand steht für die Produktivität von Kontroversen, denn Schulze hatte gegen die private Finanzierung des Thüringer Literaturpreises polemisiert. So ehrt dieses Stipendium in einem jeden Jahr drei Schriftsteller.

Der Dritte im Bunde war gestern Jan Volker Röhnert, geboren in Gera, Jahrgang 1976. Röhnerts Lyrik hat schon einen eigenen Ton und, zwanzig Jahre nach der Wende, fällt auf, dass sie dort, wo sie, wie in dem Band "Metropolen", sich geografisch verortet, nicht annähernd so politisch aufgeladen ist wie Lyrik aus der DDR es war: Die Anwesenheit an einem Welt-Ort, einem West-Ort ist für einen, der im Wende-Jahr gerade 13 Jahre wurde, eine Selbstverständlichkeit und kein Thema. Röhnerts Sprache ist nicht so sinnlich wie die Gerlachs, nicht so auf Reduktion ausgerichtet, mitunter der gebundenen Prosa benachbart, er schreibt gleichsam gelassen, unaufgeregt und schön.

"Würden wir uns kennen / wäre das ganze Mysterium aus", heißt es einmal. Das erzählt das Sehnen nach Nähe und den Grund, warum ein Rest, ein unbekannter Rest, doch bleiben sollte. Und erzählt zugleich, was Literatur ist: Diesen beiden Zeilen vermag ein Essay kaum Wesentliches hinzuzufügen.