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07.03.2009

Verlegtes wiedergefunden Scherzer - Lesebuch

von Frank Quilitzsch TLZ

Lenin hatte vor ihm gewarnt und Gorbatschow hatte ihn verboten. Denn: "Wodka ist die Quelle von kollektiven Orgien, die Tischfeiern verwandeln sich oft in einen Kult des ständigen Trinkens und Toastsprechens", heißt es in einer Broschüre der "Gesamtsowjetischen freiwilligen Gesellschaft zum Kampf für Nüchternheit des Saratower Gebietes". Ausgerechnet in die Kernzone russischer Abstinenzler musste es den Reporter Landolf Scherzer verschlagen, als er im Perestroika-Jahr 1990 Sibirien durchstreifte. Hier, im von Ausländern abgeschirmten Saratow, berichtet ihm Lena von ihrer Hochzeit mit Serjoscha, einer Feier mit über hundert Gästen und ohne einen Tropfen Alkohol! Scherzer will´s nicht glauben. Doch, sagt Lena, es gab nur Pepsi. Denn ihr Vater sei der Vorsitzende des örtlichen Antialkoholiker-Verbandes. Was also tun mit dem Gastgeschenk, einer Flasche Kristall-Wodka, "Blauer Würger" genannt? Natürlich wird sie geleert, "zu Ehren der ausländischen Gäste", man trinkt aus 100-Gramm-Gläsern, die Lenas Vater nur halbherzig versteckt hat.

Diese Geschichte, zu deren schwankendem Ende eine Stalinbüste im Gefrierschrank versenkt wird, möchte man wieder und immer wieder lesen. Doch das Buch "Auf Hoffnungssuche an der Wolga" ist vergriffen und wird nicht mehr aufgelegt. Wieso eigentlich? fragte sich der Verleger Hans Westerheide und stellte fest: Von dem 67-jährigen Schriftsteller Scherzer sind ein halbes Dutzend Titel im Handel und doppelt so viele nur noch in Antiquariaten erhältlich. Ließe sich da nicht eine Reihe gründen, die aus den vergriffenen Büchern die schönsten Geschichten unter nachgewachsene Leserscharen bringt? Unter dem Motto "Verlegtes wiedergefunden" erscheint zur Leipziger Buchmesse im Nora-Verlag der erste Band: "Die alkoholfreie Hochzeit".

18 Texte aus 11 Büchern, die zwischen 1972 und 1994 in verschiedenen Verlagen (einige sind inzwischen abgewickelt worden) erschienen, ergeben ein pralles Scherzer-Lesebuch, in dem man nach Herzenslust schmökern kann. Was mag aus den Kameraden im fernen Mocambique geworden sein, die ihn "weißer Bruder" nannten, weil er mit ihnen blocos, Hohlblocksteine, für eine Arbeitersiedlung herstellte? Was aus dem Maler am Sambesi, der seinem Volke ein Wandbild schuf, ohne Honorar dafür zu nehmen? Wie mag es der arbeitslosen Ria S. in Bad Salzungen ergangen sein, Mutter von vier Kindern, die sich mit ihrem jüngsten Sohn vom Balkon stürzen wollte? Scherzer war an vielen sozialen Brennpunkten Thüringens, auch bei den Hungerstreikenden in Bischofferode, und hat die Erben der Erfurter Firma Topf ausfindig gemacht, die für das KZ Buchenwald die Verbrennungsöfen lieferte. Er war im Spreewald und nochmals in Sibirien und im Orient unterwegs, am "Sarg der Sojus".

Einmal gab er sich, in Wallraffscher Manier, als Millionär aus, um für eine D-Mark ein Schloss zu erwerben - darin wäre er nie glücklich geworden. Und unter "Am Morgen meines Geburtstages" findet man einen der seltenen Texte, in dem der autobiografisch enthaltsame Autor aus seiner Kindheit und Jugend erzählt. Der Band bietet einen kurzweiligen Querschnitt aus Scherzes Schaffen, zeigt Entwicklungen auf und macht Durst - nach mehr.

i Landolf Scherzer: Die alkoholfreie Hochzeit. Reihe: Verlegtes wiedergefunden. Mit einem Nachwort von Günter Wallraff, Nora-Verlagsgemeinschaft, Berlin, 164 S., 15 Euro. Der Band ist ab nächster Woche über alle Buchhandlung und direkt beim Verlag zu beziehen.