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09.12.2004

Vergesst das Beste nicht - die Kinder!

von Frank Quilitzsch TLZ

Verwundert reibt man sich die Augen: Montagsdemo am Mittwoch? Die Demonstranten - viel zu jung für Hartz IV! - folgen einem Sarg, eine Posaune bläst ihnen den Trauermarsch. Es sind Kinder und Jugendliche, die sich die Gesichter weiß geschminkt haben, in den Händen halten sie Schilder und Kerzen: "Nächstes Jahr auf der Straße?", "Nehmt uns nicht die Zukunft!", "Lasst uns unseren Jugendclub!"

Gespenstisch schlängelt sich der Zug vom Frauenplan zum Goetheplatz. Immer mehr Leute schließen sich an, bald sind es an die 500. Beim Zwischenstopp vor der Herderkirche singt der Jugenddiakon das Lied von den zurückgelassenen Kindern und mahnt: "Vergesst das Beste nicht!"

Das Beste - die Kinder. Die Zukunft. Weimar gab gestern den Auftakt zu einem Trauermarsch, der bald durch alle Thüringer Städte ziehen wird. Von Altenburg bis Heiligenstadt und von Nordhausen bis Suhl drohen Kahlschläge im soziokulturellen und Bildungsbereich. Wenn das Land die geplanten Sparmaßnahmen umsetzt, können auch die Kommunen die Kinder- und Jugendarbeit nicht mehr finanzieren. Dann geht´s nicht ans Eingemachte - das ist längst aufgebraucht -, sondern an die Substanz. Jugendclubs und Bibliotheken müssen schließen, Kulturvereine, die mit Heranwachsenden arbeiten, ihre Tätigkeit einstellen, Volkshochschulen ihre Angebote kommerzialisieren. Der Sparzwang träfe die Jüngsten und Schwächsten der Gesellschaft.

Macht es Sinn, über Pisa-Studien zu diskutieren, wenn die Basisarbeit aufgegeben wird? Noch vor 14 Tagen versprachen Vertreter des Kultusministeriums, die Literaturförderung im Freistaat nicht zu kürzen - jetzt droht die Axt im Walde. Wo bleibt der Konsens zwischen Land, Kommunen und Vereinen, die kulturelle Überlebensstrategie? Am Ende des Weimarer Protestzuges ging eine junge Frau und hielt ein Pappschild hoch: "In diese Welt setze ich keine Kinder!"