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05.09.2009

Unüberhörbare Stimme

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Rainer Kunze wird heute in Weimar mit dem Thüringer Literaturpreis geehrt

Rainer Kunze ist heute in seinem ruhigen, abgeschiedenen Zuhause im bayerischen Obernzell-Erlau bei Passau nicht anzutreffen. Er ist vom "Sonnenhang nach Thüringen gereist, nicht nach Greiz, wo er von 1962 bis zu seiner Ausreise 1977 in die BRD lebte und 1995 die Ehrenbürgerschaft annahm - sondern nach Weimar. Dort wird der Dichter mit den erzgebirgisch-vogtländischen Wurzeln am Nachmittag in der Jakobskirche am Rollplatz den Thüringer Literaturpreis - den vor ihm Sigrid Damm und Ingo Schulze erhielten - in Empfang nehmen.
Rainer Kunze, der kritische, spruchhafte Denker, der bescheiden, doch unüberhörbar im Stillen wirkt und keine Nabelschau betreibt, kann seine Auszeichnungen und Ehrungen längst nicht mehr an seinen Fingern abzählen. In der DDR wurde ihm das Dichten Widerstand und stärkte den Überlebenswillen. Der Arbeiter- und Bauern-Staat zeichnete ihn nie aus; die Ehrungen kamen von außen mit internationaler Resonanz, beispielsweise mit dem Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Künste 1973. Es folgten unmittelbar nach der Ankunft im Westen der österreichische Georg-Trakl-Preis und der Georg-Büchner-Preis, später der Hölderlin-Preis oder der Ján-Smrek-Preis.

Kein "reiner Literaturpreis ist der "Memminger Freiheitspreis 1525 von 2009, den die Stadt an Persönlichkeiten verleiht, die sich für Freiheit, Gerechtigkeit und gegen Machtmissbrauch einsetzen. Bundespräsident Horst Köhler sagte in seiner Laudatio über Reiner Kunze: "Seine Dichtung macht die Welt bewohnbarer, weil sie die Köpfe seiner Leser frei macht.

Nun ist der mit 6000 Euro dotierte Thüringer Literaturpreis, vergeben von der Literarischen Gesellschaft Thüringen, gestiftet von E.ON Thüringer Energie, kein Preis der Sonderklasse, aber für Reiner Kunze ein besonderer. Denn er ehrt nicht nur das Gesamtwerk des Schriftstellers, der, so die dreiköpfige Jury unter Vorsitz von Wulf Kirsten, "ein Meister unverwechselbarer poetischer Verdichtungskraft und Sensibilität ist.

Der Preis ehrt auch den Nachdichter aus dem Tschechischen, der Verse nichtopportuner, verbotener Freunde wie Jan Skacel erstmals ins Deutsche übertrug. Er ehrt den sensiblen Sprachbewahrer Reiner Kunze, der einen jahrelangen öffentlichen Streit gegen die Rechtschreibreform focht.

Der Thüringer Literaturpreis bedeutet auch Erinnerung an die literarischen Anfänge, an schmerzliche Erfahrungen wie die totale Überwachung durch das MfS und den unfreiwilligen Abschied von der Heimat. "In den Jahren, die er in Thüringen verbrachte , so die Jury, "wurde er mit seiner politischen Haltung unter schwierigsten Lebensbedingungen zu einem Vorbild vor allem für jene Jugendlichen in der DDR, die mit dem Stillhalteabkommen der Vätergenerationen gebrochen hatten.

Die Bücher des "Staatsfeindes Kunze, wie die Gedichtsammlung "Brief mit blauem Siegel (1973) und der unter der Hand kursierende Prosaband "Die wunderbaren Jahre (1976), wurden vor allem von jungen Leuten süchtig verschlungen und vehement verbreitet. Und da war auch die Stadt Greiz in Thüringen als Heimat, die Reiner Kunze nicht verleugnete und die sich im Gedicht wiederfindet, wie im "Dreiblick von 1965: "Greiz grüne / zuflucht ich / hoffe/ Ausgesperrt aus büchern / ausgesperrt aus zeitungen / ausgesperrt aus sälen / eingesperrt in dieses land / das ich wieder und wieder wählen würde.

Reiner Kunze und Thüringen ist auch das Thema der Laudatio in Weimar, die der Hallenser Literaturkritiker Christian Eger hält. Sie lobt das "Ineinanderspiel von Schönheit und Freiheit in einem Werk, "in dem sich das Poetische mit dem Sittlichen so unaufdringlich vereint wie nirgendwo sonst in der deutschen Gegenwartsliteratur .Biografie und WerkGeboren am 16. August 1933 in Oelsnitz, Abitur 1951 Studium der Philosophie und Journalistik in Leipzig, Staatsexamen 1955, Assistent, nach schweren politischen Angriffen verlässt er die Universität Freiberuflicher Schriftsteller ab 1962 in Greiz, Gedichte und Übersetzungen erscheinen im Mitteldeutschen Verlag.

1968 wegen der Zerschlagung des Prager Frühlings durch den Warschauer Pakt Austritt aus der SED 1976 erscheinen "Die wunderbaren Jahre in der BRD, Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband (in Gera). Überwachung durch das MfS 1977 Übersiedlung in die Bundesrepublik 1995 Ehrenbürgerschaft der Stadt Greiz 2003 Ehrenbürgerschaft der Stadt Oelsnitz Publikationen (Auswahl):

"Brief mit blauem Siegel (Gedichte), "Die wunderbaren Jahre (Prosa), "Das weiße Gedicht (Essays), "Deckname "Lyrik" (Dokumentation), "Am Sonnenhang. Tagebuch eines Jahres , "Wo Freiheit ist... (Gespräche), "Ein Tag auf dieser Erde (Gedichte), "Wo wir zu Hause das Salz haben (Nachdichtungen), "Lindennacht (Gedichte)