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26.03.2009

Unterwegs in den fünfzehn Bezirken

von Udo Scheer TLZ

Berlin. (tlz) Wer in Claudia Ruschs "Aufbau Ost" knapp zwanzig Jahre nach dem Verschwinden der DDR eine Bilanz der Erfolge und Probleme erwartet, wird enttäuscht werden. Statt dessen ist der Leser eingeladen, manche Alltagsbesonderheiten Ost samt ihrer dahinter liegenden Vergangenheitsräume zu durchstreifen. Man kann dieses Buch durchaus als Fortsetzung von ihrem zurecht hoch gelobtem Debüt "Meine freie deutsche Jugend" (2003) lesen. Ausgehend von ihrer Biografie führte sie darin mit einer selten zu lesenden Klarheit und Leichtigkeit ins Innenleben der DDR.
In ihrem neuen Band begibt sich die Autorin jenseits jeder Ostalgie auf so persönliche wie eigenwillige Reportageerkundungen in alle fünfzehn ehemaligen Bezirke von Rostock bis Suhl. Ihre erste Geschichte beginnt, wo "Meine freie deutsche Jugend" endete - bei Recherchen über ihren Großvater, einem SED-Kreissekretär, der sich nicht gleichschalten ließ und in der Rostocker Stasi-U-Haft zu Tode kam. Doch die Todesumstände bleiben unklar, bis es durch Zufall zu einer aufwühlenden Begegnung mit jenem Mithäftling kommt, in dessen Armen er 1967 starb.

Diese Reportage wird zu einem Schüsseltext von einer Eindringlichkeit, vor der die übrigen vierzehn fast wie plaudernde Gegenwarts- und Vergangenheitsvergewisserungen erscheinen. Nur wenn die Autorin mitunter den SED-Staat mit harten Zahlen und Fakten vorführt, erweckt sie den Eindruck, als argumentiere sie gegen einen virtuellen Widerpart.

Die erste Lesreise führte nach Malmö

Abgesehen von solchen etwas didaktisch anmutenden Exkursen beweist sie einmal mehr ihr außerordentliches Erzähltalent. So wird ihr die Schweriner Ausstellung "Über die Ostsee in die Freiheit" mit aller innewohnenden Dramatik zugleich zum Anlass, über die Freiheit ihrer ersten Lesereise nach Malmö zu erzählen. Die wiederum mündet in einer wunderbaren Realsatire über die Tücken schwedischer Fahrscheinautomaten.

In Frankfurt/Oder diskutiert sie, angeregt durch TV-Kochshows, mit Freunden längst vergessene Ernährungsgewohnheiten und Versorgungslagen in der DDR. In Leipzig beleuchtet sie kurzweilig die Hintergründe der DDR-Sprachabgrenzung und Wortneuschöpfungen. Wer weiß noch, was eine "Komplexannahmestelle" war? Wir erfahren: Eine Reparaturannahme für Gebrauchsgegenstände aller Art, nur "Selbstwertprobleme wurde man dort leider nicht los".

Claudia Rusch nimmt ihre Leser mit auf die vor 1990 undenkbaren, nun durchgängigen Radwanderwege vom Zittauer Dreiländereck bis zum Stettiner Haff oder zum architektonisch gelungenen Rückbau von "Ha Neu", der einst erdrückend tristen Schlafstadt Halle Neustadt. Dagegen findet man sich in Kahla, einst einem der größten Haushaltsporzellanhersteller der DDR, "von der Treuhand zielsicher in den Konkurs geführt", heute als mittelständisches Unternehmen wiederbelebt, zurückversetzt in tristes DDR-grau und in eine Gespensterstadt, die seit 1990 fast die Hälfte ihrer Einwohner verloren hat. Im Bezirk Dresden macht sie Lust auf eine Reise ins Oberlausitzer Örtchen Herrnhut mit seinen von der evangelischen Brudergemeinde erfundenen, heute in alle Welt exportieren Herrnhuter Weihnachtssternen ...

"Aufbau Ost" macht neugierig, dem heutigen Osten, seinen Mentalitätsgeschichten und Eigenarten bis in die Gegenwart nachzuspüren.

i Claudia Rusch: Aufbau Ost. Unterwegs zwischen Zinnowitz und Zwickau, S. Fischer-Verlag, Frankfurt/Main, 192 S., 16.95 Euro