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20.06.2009

Unterwegs im Stimmenschotter

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Morgen feiert der Weimarer Schriftsteller Wulf Kirsten seinen 75. Geburtstag

Von Annerose Kirchner Sein Leben lang hat Wulf Kirsten den Aufbruch geübt. Er ließ den Häuslerwinkel im linkselbischen Klipphausen hinter sich, holte sein Bildungsdefizit auf, lernte, studierte Germanistik. Spät fand der am 21. Juni 1934 geborene Sohn eines Steinmetz zum Schreiben. Besessen vom Lesen mit "Erweckungserlebnissen entdeckte er sein literarisches Terrain: die "Erde bei Meißen , die er konzentriert ausschritt und im programmatischen "Satzanfang ins Wort nahm: "inständig benennen: die leute vom dorf,/ihre ausdauer, ihre werktagsgeduld./aus wortfiguren standbilder setzen/einer dynastie von feldbestellern/ohne resonanznamen. Heute wird Wulf Kirsten, der sich am liebsten als Landschafter bezeichnet, 75 Jahre alt.
Er ist noch immer gut auf den Beinen, wandert oft an die 25 Kilometer querfeldein durch Thüringen, am liebsten zwischen Ilm und Saale. Gerade hat er Pillingsdorf bei Neustadt/Orla entdeckt. "Für mein Alter ist das noch ganz schön , sagt er, "obwohl meine Konstitution nicht mehr gleichbleibend ist. Seit 1965 lebt er in Weimar, sieht sich als kulturbewusster Bürger und betrachtet die Stadt von innen. "Ich lebe in Thüringen mit Wohnsitz Weimar. Aber ich lebe nicht nur in der Stadt. Ich bin gern in der Peripherie, finde das Vorland des Thüringer Waldes schöner als den Rennsteig. Wenn er Freunde durch die Stadt führt, zeigt er ihnen ein anderes Weimar als es Stadttouristen sehen. Dazu gehört der Herder-Garten oder der Hof des Kirms-Krackow-Hauses. Und auch die Nähe des Ettersberges, der symbolisch für extreme geschichtliche Überlagerungen steht. Dieses Terrain hat er in vielen Exkursionen erschlossen und im Vers, wie im Gedicht "Der Bärenhügel , gebannt. "Natürlich habe ich eine Beziehung zu Weimar. Ich habe eine Sammlung mit Texten angelegt, die prominente Gäste über ihren Besuch geschrieben haben. Da gibt es so erstaunlich viel, woraus hervorgeht, dass Weimar ein geistiges Faszinosum ist, seit Goethe hier gelebt hat. Im Großen und Ganzen zehrt Weimar davon, dass Goethe es hier über 40 Jahre aushielt. Mir fehlen da noch ein paar Jahre...

"tritt vor die tür, und schon kannst du/hindurchgehn, hinein und wieder hinaus,/eine welt für sich sehn als andere/schöpfungsgeschichte aus erster hand , heißt es im Gedicht "Standort - ein Plädoyer für die Weltoffenheit dieses Dichters, der ein bibliophiles Gedächtnis besitzt und eine der größten privaten Lyriksammlungen im deutschsprachigen Raum. Ein Wortsucher, der Melancholie nicht ausschließt, auf eine "aufgeraute , kantig-körnige Sprache setzt, die alte Worte und Mundart wie "Schlempe , "Hanfpotz oder "Zaukenweiber vor dem Vergessen bewahrt. "Die Kirsten-Sprache ist eine Sprache, in der man sich verproviantieren kann gegen Geschwindigkeit, Anpassung, Verlust , erkannte auch Martin Walser.

Wer diese Sprache annimmt, entdeckt das komplexe Oeuvre eines Schriftstellers, der als Landschaftsdichter in der Tradition deutscher Naturlyrik steht mit Vorbildern wie Theodor Kramer, Johannes Bobrowski und Peter Huchel. Kirsten prägte den Satz: "Sein Thema finden heißt zu sich selbst finden. Das ist bis heute Ziel seines Schreibens geblieben. In über 40 Jahren sind acht Gedichtbände mit Titeln erschienen wie "Satzanfang , "Der Bleibaum , "Stimmenschotter , "Wettersturz und "Erdlebenbilder , eine Querschnittsammlung aus 50 Jahren. Zudem zwei Erzählbände, darunter der Bericht "Die Schlacht bei Kesselsdorf und das Kleinstadtbild "Kleewunsch , und der Bildband "Der Berg über der Stadt. Zwischen Goethe und Buchenwald sowie Essays, hier die Sammlung "Brückengang , die Kirstens Leidenschaft für randständige Autoren belegt. Dazu gesellt sich eine Vielzahl von Herausgaben.

Wulf Kirsten, über 20 Jahre Lektor beim Aufbau-Verlag, prägte und förderte Talente. Er kümmert sich noch immer um junge begabte Autoren wie Christian Rosenau oder Astrid Schleinitz, fügt aber hinzu: "Ich muss mich jetzt zurücknehmen, um noch ein paar eigene Sachen zu machen. Dazu gehört ein "Wörterbuch der Gemeinheiten , angefüllt mit Zitaten und Kommentaren, sowie ein Projekt, in dem 30 Jahre Arbeit stecken: eine Lyrikanthologie des frühen 20. Jahrhunderts, Zeitraum 1880 bis 1945. Am Herzen liegt ihm ein Buch über Kafkas Aufenthalt 1912 in Weimar. "Das muss ich unbedingt noch ausformulieren. Ich weiß zum Beispiel, wo er abends gegessen hat und welche Musik er hörte. Ich habe sein Reisejournal ausgewertet und Annoncen in der Zeitung. Wulf Kirsten sagt, er habe keine Materialnot, sondern noch viel Lebensstoff, den er aufschreiben könnte.

Zahlreiche Literaturpreise hat er erhalten. Ob diese die Bedeutung seiner Person erhöht haben, mag er nicht zu beantworten. "Ich lebe von diesen Preisen. Ich wäre ohne Stipendien und Preise ein Sozialfall. Sein Alltag ist gut organisiert. Vorrang hat die Arbeit am Schreibtisch. Zeit für die Enkel muss bleiben und auch Zeit fürs Lesen. Wenn er schmökert, dann in Regionalgeschichten, "was früher Heimatkunde hieß . "Ich habe gerade neue Gedichte von Volker Braun gelesen, die mir sehr nahe gehen, wo ich ihn auf der Höhe seiner Dicht- und Formulierungskraft sehe , fügt er hinzu. Im Gespräch erzählt er über die Wende 1989, sein Engagement in der Bürgerbewegung und die Rückkehr an den Schreibtisch. Tagebuchnotizen zum Herbst 1989 enthält das neue Buch "Gegenbilder des Zeitgeists. Thüringer Reminiszenzen , das demnächst als Band 30 der "Edition Muschelkalk erscheint. Kirsten, ein Kritiker des Überflusses, sorgt sich über den Zerfall der Welt. Wenn er darüber spricht, hat jedes Wort Gewicht, ohne dass er Rezepte parat hätte.

Morgen richtet ihm der Schweizer Ammann Verlag im Schloss Belvedere in Weimar eine Festveranstaltung aus. Gerade wurde er in Frankreich geehrt mit einer Lesung an der Pariser Sorbonne und zwei Gedichtbänden, die seinen Stellenwert als europäischen Dichter von Rang untermauern. Das ist wohl sein schönstes Geburtsgeschenk.