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03.06.2009

Unter der Decke des DDR-Alltags

von Martin Straub TLZ

Berlin. (tlz) In den letzten 20 Jahren ist vieles über den Schriftsteller-Alltag in der DDR geschrieben worden. Über Zensur und Selbstzensur, über Verweigerung und Anpassung. Immer wieder geht es um die Auseinandersetzung mit einer starren Kulturbürokratie, der das Erscheinen manchen Buches abgetrotzt und abgelistet wurde. Freilich zeigte sich unter der Decke des Alltages noch ein anderes Gesicht des "Leselandes": das brutale der Diktatur. Ines Geipel erzählt davon in Lebensbildern von 12 Autorinnen. Dabei dürfte das Kapitel über Ursula Adam und die Autorengruppe um Franz Hammer von besonderem Interesse für den Thüringer Leser sein. Lässt sich doch diese Geschichte aus den endvierziger und frühen fünfziger Jahren "als Paradigma für die Sprach-, Denk- und Wirkungsmöglichkeiten junger Intellektueller in Ostdeutschland lesen".
In die Literaturgeschichte des Landes haben diese Schriftstellerinnen bisher keinen Eingang gefunden, oder sie wurden stiefväterlich und selektiv behandelt. So unterschiedlich ihr Leben verläuft, sie vereint Unbedingtheit und Kompromisslosigkeit, mit denen sie ihre Lebens- und Schreibansprüche durchsetzen. Sie wurden zu Staatsfeinden erklärt. Nicht nur in den 50er Jahren kamen Autorinnen in das Zuchthaus Hoheneck mit seinen unmenschlichen Haftbedingungen, wie zum Beispiel Elisabeth Graul oder Edeltraud Eckert, die dort elend zugrunde ging und anonym verscharrt wurde. Gabriele Stötzer war dort nach 1977 eingekerkert. Man lese ihr Buch "Die bröckelnde Festung". Ines Geipels Spurensuche zeigt, die Mittel des Staates bleiben brutal und werden zugleich subtiler. Ausgeklügelte Zersetzungsmaßnahmen und Observationstechniken ziehen sich wie ein Leitmotiv durch das Leben der Frauen. Immer wieder wird versucht, die politischen Künstlerinnen "mit einer genuin weiblichen Schreibposition zu pathologisieren [und] zu kriminalisieren". Die Fragen einer von ideologischen Zwecksetzungen dominierten Literaturvermittlung sind ein eigenes Kapitel.

Lebensbilder und Hang zur Antithese Die zwölf Porträts werden zu einem Geschichtsbuch der besonderen Art. In ihm werden unterschiedliche Sprachwelten zusammen geführt. Da sind die poetischen Texte und Selbstzeugnisse der Frauen einerseits, ihnen gegenüber die kulturpolitischen Verlautbarungen und die kalte Sprache der Akten. Nachvollziehbar wird, wie die Autorinnen ihre Sprache finden, verteidigen und was sie damit auf sich nehmen. Am eindringlichsten gelingt das in dem Kapitel über Heidemarie Härtl. Die Textbeispiele sprechen davon, wie sich "die Jahre enormen Drucks" in einer "poetischen Zeitvertiefung" äußern. Die gebotene knappe Textauswahl fördert den Wunsch nach ausführlicher Lektüre. Nicht nur das Schicksal Heidemarie Härtls zeigt, welchen Belastungen auch die Liebes- und Partnerbeziehungen ausgesetzt waren und wie sie oft genug zerbrachen.

Die Lebensbilder sind eindringlich und dicht erzählt. Gerade deshalb stört man sich ab und zu an wenig gelungenen Metaphern. Da ist von einem "Schlag ins Intimkontor" die Rede oder von einem "engen Geldkorsett", von "wuchernden Freundschaftshorizonten" oder "sprachwerdenden Wahrnehmungsflicken". Dass Geipel voller Mitgefühl eine Anwältin ihrer Autorinnen ist, macht das Buch sympathisch. Über die jüngeren Autorinnen wie etwa Raja Lubinetzky hätte man gern mehr erfahren. Wie wächst man in der DDR-Provinz auf, wenn der Vater aus Kamerun kommt?

Ines Geipel entgeht nicht dem Hang zu einer antithetischen Absolutheit. Und das weckt Widerspruch. Da wird über Volker Braun im Zusammenhang mit Gabriele Stötzer verallgemeinernd gesagt, er "reagierte in gewohnter Manier, nämlich taktisch". Oder die Veröffentlichungen in den siebziger Jahren von Christa Müller, Christine Wolter, Renate Feyl, Uta Mauersberger, Beate Morgenstern, Rosemarie Zeplin, Helga Königsdorf oder Helga Schubert werden, Sarah Kirsch folgend, als "Emanzipationsschreiberei" abgetan, mit der "das Leitbild Sozialismus denn auch eher erneuert als irritiert" wurde. Man sollte hier Produktion und kulturpolitische Einfunktionierungen nicht in einen Topf werfen. Solche Aburteilungen schaden eher dem Anliegen. Und es ist doch wichtig genug, diesen Autorinnen endlich ihre Stimme in der literarischen Öffentlichkeit zu geben.

i Ines Geipel: Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945-1989. Artemis & Winkler, Düsseldorf , 280 S., 24.90 Euro