Presse - Details

 
08.05.2003

'Unser Bildungsgut ist doch nichts Museales'

von Wolfgang Hirsch TLZ

Jena. (tlz) Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist unsere Gralshüterin der Wortkultur, aber eben doch nicht das Pendant zur Académie française. Kein Staatsoberhaupt beugt hierzulande das Knie vor den Erbverwaltern lorbeergekrönter Dichterhäupter, Kultur wird von der Politik als zweitschönste Nebensache der Welt - nach dem Sport - betrachtet. Kein Wunder, dass selbst der Bundeskanzler eher im Fußballstadion seines Heimatvereins anzutreffen ist als im Staatstheater. In der Halbzeitpause bei "Hamlet" fragt niemand nach Prognosen für den Ausgang.

Trotzdem macht nun sogar die ehrwürdige Deutsche Akademie mobil gegen den allerorts offensichtlichen Verfall: "Kultur und Staat - Welche Kultur brauchen wir?" lautet das Generalthema ihrer Frühjahrstagung, die heute in Jena beginnt. Akademie-Präsident Klaus Reichert, ein überaus angesehener Frankfurter Anglistik-Professor, bezieht Position: "Ich sehe eine kulturelle Agonie, wenn wir die Kultur allein dem Staat überlassen", warnt er.

Reichert setzt lieber auf die Initiativkraft Einzelner, die gegen das schleichende Gift von Banalisierung und Beliebigkeit ankämpfen: Prominente wie etwa Jan Philipp Reemtsma, dem Thüringen die Erhaltung des Wielandguts Oßmannstedt verdankt, Mitarbeiter und Intendant des Deutschen Nationaltheaters, die durch eigenen Verzicht den Spartenabbau in Weimar abwendeten, aber auch die vielen Ungenannten: die Kindergärtnerin, den Bibliothekar, die freie Theatergruppe.

"Auf Kultur kann man nicht das betriebswirtschaftliche Schema von Kosten und Nutzen anwenden", insistiert Reichert im TLZ-Gespräch. Weil sie sich zwar lohnt, aber nicht Zinsen auf Heller und Pfennig einträgt. Die globale Ökonomisierung und die bequem-konsumistische Orientierung unserer Gesellschaft haben längst das Bewusstsein von kultureller Identität ausgehöhlt. Reichert beklagt, dass Schulkinder in der Primarstufe vor PCs sitzen dürfen, noch bevor sie lesen und schreiben können. Dass "40 Prozent der Sechsjährigen nicht mehr in der Lage sind, einen vollständigen deutschen Satz zu bilden".

Wir bemerken: Kultur, Bildung erfordert Arbeit. Den persönlichen Einsatz, Hingabe, Lernen. "Man sieht nur, was man weiß", zitiert Reichert Altmeister Goethe. Die Anleitung dazu wäre in Schulen und Universitäten zu geben, die aber ihrerseits nur noch Mängel verwalten. In Frankfurt, an seiner Heimatuniversität, werde die Gräzistik abgebaut, erzählt der Neuphilologe Reichert.

Ihm ist das deshalb nicht gleichgültig, weil er das antike Griechisch als Schlüssel zu unseren kulturellen Wurzeln kennt. Philosophen wie Schopenhauer schrieben in ihren Texten ganz selbstverständlich griechische Begriffe im Original. - Wer kann sie heute noch lesen, gar verstehen?

Gerechtigkeit, Wahrheit, das Schöne, das Gute, auch Schuld und Verantwortung bilden komplexe philosophische Werte, die sich erst in Kenntnis der tradierten Wurzeln aus der Literatur erschließen. Den "Ödipus" oder "Antigone" nennt Klaus Reichert als Beispiele. Und vergisst sein Idol aus Stratford nicht: "Wir können über Machtverhältnisse nirgends besser lernen, als in den Shakespeareschen Historiendramen."

Rest ist Schweigen

Man muss diese Vor-Bilder nur deuten und erschließen können, um sie für den heutigen Alltag fruchtbar zu machen: "Bildungsgut ist nichts Museales", so Reichert. Und aus diesem Wissen, dass erst in der Kultur unser Sosein determiniert wird, leitet er ein "Menschenrecht auf Kultur" ab. Eines, für das es sich zu streiten lohnt, weil Heimat in der Sprache ruht, weil künstlerische Inspiration - selbst rezeptiv genossen - Innovativkräfte mobilisiert.

Herbert George Wells hat in Teilen von "Time Machine" ein Szenario entworfen, in dem sich eine tumbe, strukturlose Gesellschaft erwachsener Kinder, der geschichtsvergessenen Eloi, auf die lustvolle Befriedigung einfacher Bedürfnisse beschränkt, indessen die überlieferten Bücher zu Staub zerfallen sind. Ihre existenzielle Bedrohung durch die animalischen Morlocks nehmen sie nicht mehr wahr. Als Wells diesen Roman schrieb, war von Techno-Eremiten und solipsistischen Cyberspace-Piloten keine Rede. Wenn kulturelle Wurzeln im virtuellen Nirgendwo entschwinden, hat auch Hamlet sein Spiel verloren. Der Rest ist Schweigen.