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29.01.2011

Unsagbares wird hörbar: Erzählen nach Auschwitz und Buchenwald

von Martin Straub TLZ

Der jüngst erschienene Studienband zum Werk von Imre Kertész "Das Glück des atonalen Erzählens", herausgegeben von Dietmar Ebert, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.


Wohl erstmals wird das Gesamtwerk des Nobelpreisträgers in den Blick genommen. Der Band sei nicht nur den Kertész-Kennern wärmstens empfohlen, sondern vor allem auch jenen, die sich dem Werk nähern wollen. Der Leser erhält gut lesbare Einblicke in "die Qual und das Glück des Schreibens" eines Autors und in die von ihm durchlebten Zeiten: die Horthy-Diktatur, die Shoa, Auschwitz und Buchenwald, die Rákosi-Diktatur, die geschlossene Gesellschaft der Kádár-Ära und die offene Gesellschaft in Ungarn zu Beginn des neuen Jahrtausends.


Der Herausgeber Dietmar Ebert liefert allein sechs Studien. Er ist ein profunder Kenner des Kertészschen Werkes, und er ist ein redlicher Mann. Denn er bedenkt in seinen Arbeiten nicht nur jene, die Wesentliches zum Werk zu sagen haben, sondern er hat sie selbst zum Mittun eingeladen. So enthält der Band etwa Arbeiten des Historikers und Leiters der Gedenkstätte Buchenwald Volkhard Knigge, der Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen Christina Viragh und Ilma Rakusa, der Jean Amery-Kennerin Irene Heidelberger-Leonhard, des Philosophen László Földényi, dem das Imre-Kertész-Wörterbuch zu verdanken ist, und der Literaturwissenschaftler Petér Varga und Christian Frankenfeld. Letzterer schreibt über die Verfilmung des "Roman eines Schicksallosen". Zudem gibt es ein Gespräch mit Ingo Schulze über seinen Weg zu Kertész. Auch der Ortschronist von Rehmsdorf, Lothar Csoßek, wird befragt. Kertész litt hier in einem Außenlager von Buchenwald. Bemerkenswert auch der Beitrag von der Abiturientin Alexandra Lüse, eine Ermutigung für Lehrer und Schüler. Zudem wird der Band durch ein Foto-Essay von Jürgen Hochmuth bereichert, der die Lebens- und Leidensstationen von Kertész einprägsam ins Bild bringt. Nicht zu vergessen der Beitrag des Musikwissenschaftlers Ferdinand Zehentreiter "Stefan Litwin komponiert Imre Kertész".


Verwurzelung in der Moderne

 
Mit den insgesamt 19 Beiträgen und der Pluralität ihrer Ansätze gelingt es, das Gesamtwerk als einen vielschichtigen "Lebensentwicklungsroman" (Kertész) kenntlich zu machen. Der Leser erfährt Mannigfaches über Kertész' Verwurzelung in der europäischen Moderne und seine Auseinandersetzung mit jenen Autoren, die die nationalsozialistischen Konzentrationslager und den Gulag durchlitten haben. Dabei arbeitet Ebert als Kenner der Musikgeschichte und Kompositionstechniken eine Eigenheit heraus, die erstmalig in dieser Ausführlichkeit zur Sprache kommt, es ist die das Werk Kertész prägende Musikalität. Hier gibt es überraschende Einsichten, wenn Ebert nicht nur einmal auf das Werk Mozarts und Gustav Malers zu sprechen kommt oder auf Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern. Ebert tut gut daran, dies mit ausführlichen Zitaten des Autors selbst zu belegen. Dabei ist das "atonale Erzählen" ein Schlüsselbegriff. In dieser von Kertész geprägten ästhetischen Kategorie sind die Leid- und Lebenserfahrungen des Autors eingeschlossen. Sie benennt die ihn immer wieder bedrängende Frage, wie nach dem Zivilisationsbruch von Auschwitz erzählt werden kann. Földényi bedeutet in seinem Wörterbuch, wolle man über die Shoa schreiben, gäbe es keinen universellen Grundton, "auf den sich beruhigend zurückgreifen ließe". Was aber nicht heißt, dass Kertész etwa Traditionen des Erzählens negiert. Vielmehr werden sie aufgerufen, um atonal erzählen zu können. Ebert schreibt in seinem Beitrag über das "Galeerentagebuch", der Autor habe musikalische Formen gesucht und gefunden, die die traditionelle Funktionsharmonik außer Kraft setzen. So ist für ihn die Atonalität der Zwölftontechnik in ihrer Radikalität von besonderer Bedeutung.


Die Auseinandersetzung mit dem atonalen Erzählen durchzieht den Band wie ein Leitmotiv. Etwa wenn Volkhard Knigge in seinem Vorwort davon spricht, wie Kertész die "Erfahrung der absoluten Entsolidarisierung des Menschen mit dem Menschen", diese "extreme metaphysische und geschichtsphilosophische Entborgenheit (...) nicht in Zynismus verwandelt, sondern als Freiheit fasst, als Freiheit des in Einsamkeit Schreibenden, aber trotz alledem doch Schreibenden". Oder wenn Földényi in seinem Aufsatz den klassischen Bildungsroman "Wilhelm Meister" mit dem "Roman eines Schicksallosen" vergleicht. In wieder anderer Beleuchtung erscheint das atonale Erzählen, wenn Irene Heidelberger-Leonard über die Not der die Lager Überlebenden schreibt und Jean Amerys Leben und Schreiben mit dem von Kertész in Beziehung setzt. Aufschlussreich ist auch Christina Viraghs Beitrag, die als Übersetzerin und Schriftstellerin die Eigenheit der ungarischen Sprache im Hinblick auf dieses Erzählen bedenkt. Verwiesen sei auf Peter Vargas Überlegungen zum Besonderen einer jüdisch-ungarischen Identität. Von Bedeutung sind auch die Überlegungen mehrerer Beiträger, wie sich in Kertész Erzählen die Erfahrung mit einer geschlossenen stalinistischen Gesellschaft in Ungarn nach 1945 im Schreiben niedergeschlagen hat.


 Die Ambivalenz des Lachens


Nun war es nicht die Absicht des Herausgebers eine Schriftstellerbiographie abzuliefern. Natürlich gehen die Verfasser immer wieder auf das Schriftstellerleben ein. Und nicht wenige lassen auch ihre persönlichen Begegnungen mit dem Autor lebendig werden, wie Volkhard Knigge oder Ilma Rakusa, wenn sie über "Imre Kertész und die Ambivalenz des Lachens" schreibt. So kann man bei diesem Band wohl eher von einer Werkbiographie sprechen. Und sicher sind Eberts Aufsatz über "Dossier K." und sein Gespräch mit dem Schriftsteller Ingo Schulze über die kompositorische Struktur des Gesamtwerkes in dieser Hinsicht von besonderem Interesse. Freilich wäre es für den Leser hilfreich, wenn es am Ende des Bandes eine knappe, übersichtliche Zusammenfassung von Leben und Werk gegeben hätte.
 
Der Vorzug des Bandes aber liegt in seiner Vielstimmigkeit, mit der hier über einen "unabgeschlossenen, atonalen Lebensentwicklungsroman" (Ebert) nachgedacht wird, für den "jedes Buch eine Probebohrung" ist, so Ingo Schulze, um "das Unsagbare in Sagbares zu verwandeln".

Das Glück des atonalen Erzählens. Studien zu Imre Kertész. Hrsg. v. Dietmar Ebert, edition AZUR, Dresden, 416 S., 24.90 Euro