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12.01.2004

Uns gibt's noch und dennoch!

von Thomas Spaniel TLZ

Weimar. (tlz) Uns aber gibt es. Derartige Feststellungen entbehren - wenn "Uns" eine am öffentlichen Finanztropf hängende, der Literatur verschriebene Körperschaft bezeichnet - nicht eines gewissen Aufatmens. Fast meint man, zählt man sich zum Kreis der Realisten, ein tonloses "Noch" nachhallen zu hören. Mutige werden vielleicht hingerissen, ein trotziges "Dennoch" zu schmettern. Aber da droht schon die Grenze des Realismus.

"Schreiben heißt vergessen. Die Literatur ist die angenehmste Art, das Leben zu ignorieren", lässt Fernando Pessoa den Hilfsbuchhalter Bernardo Soares notieren. Bei derartigen Vorgaben kann man es mit der Angst zu tun bekommen. (...) Immerhin leben wir in Landstrichen, wo selbst Hauptstädte, auch wenn es nur föderale sind, auf ein eigenes Schauspiel verzichten oder es meinen zu müssen. Da scheinen ein Roman, eine Erzählung, ein Gedicht vergleichsweise schutzloser. Die Folgen solcher Szenarien, projiziert auf die Literatur, lassen sich auch bei Pessoa nachlesen: "Zuweilen denke ich mit traurigem Vergnügen, daß, wenn einst in einer Zukunft, der ich nicht mehr angehöre, meine Sätze Lob finden und fortdauern, ich endlich Leute habe, die mich verstehen ..."

Einzigartige Edition

So weit soll es nicht kommen. Immerhin hat jemand im vergangenen Jahr für Literatur Geld ausgegeben und wird es wohl auch im nächsten tun. Wenn das zudem dankenswerterweise durch ein zuständiges Ministerium geschieht, darf vielleicht angenommen werden, dass das Glas halb voll und nicht halb leer ist. Zudem ist Ansehnliches herausgekommen. Die einzigartige "Edition Muschelkalk" konnte, nicht zuletzt auch dank des Engagements ihres Herausgebers Kai Agthe, fortgesetzt werden. Die Literaturtage in Ranis sind zur Institution geworden, und es erfreute, eine 2. Mitteldeutsche Lyriknacht zu erleben. Die beiden letztgenannten Ereignisse resultieren übrigens aus einer engen Verbindung zweier Schwester- und nicht Konkurrenzvereine. Dass nunmehr die verdienstvolle Arbeit Martin Straubs im Rahmen von Lese-Zeichen e. V ihre offizielle Anerkennung in der Verleihung des Thüringer Kulturpreises fand, war mehr als folgerichtig.

Harald Gerlach-Preis

Die Veranstaltungen des letzten Jahres waren vielfältig: Geschichten-Nacht im Eisenacher Reuter-Wagner-Museum, selbstverständlich der Weimarer Buchlöwe, die Muschelkalk-Premieren von Ingrid Annel, Jan Volker Röhnert und Klaus Steinhaußen, das Bücher-Fest - die Reihe ist länger und die Aufzählung nur beispielhaft. Die Tatsache, dass mit den Bänden von Wolfgang Haak und Jan Volker Röhnert schon zwei Bücher aus der Muschelkalk-Edition mit angesehenen Literaturpreisen bedacht wurden, belegt, wie hier etwas - ins Leben gerufen von Wulf Kirsten - herangewachsen ist, das über den lokalen Anlass hinaus weist. (...) Und was wäre zu wünschen? Mehr "Körperschaftsgefühl" und Ideenproduktion, vielleicht auch mehr Selbstlosigkeit. Dass vordringlich die Literatur und ihre Förderung Schwerpunkt unseres Verbundenseins bleiben. Dass Initiativen wie die Sponsorensuche für die Finanzierung der Edition Muschelkalk durch Wolfgang Haak, Beispiel machen. Rettungen dieser Art werden wohl immer mehr vonnöten sein. Ich wünsche mir weiter, dass die Idee eines auf den Namen Harald Gerlach lautenden Literaturpreises Wirklichkeit annimmt. Das sind wir dem Andenken und dem Werk Harald Gerlachs, uns selbst und dem Land Thüringen schuldig. Der Vorschlag ist dem Ministerium unterbreitet, die Witwe Harald Gerlachs hat zugestimmt; wir warten auf eine Antwort vom Land. (...) Die Auszüge entnahmen wir der Rede des alten und neuen Vorsitzenden der Literarischen Gesellschaft, Thomas Spaniel.