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03.06.2010

Unmerkliche Triebfeder

von Wolfgang Hirsch TLZ

Erhielt 2009 das erste Harald-Gerlach-Stipendium des Freistaats Thüringen: Lutz Seiler las im Barocksaal der Staatskanzlei Erfurt. Donnerstagabend ist er in Weimar zu Gast. Foto: Peter Michaelis

Das Ticken einer Uhr, unserer Zeitläufte: Lutz Seiler misst mit "Der Zeitwaage". Donnerstagabend liest der Ingeborg-Bachmann-Preisträger in Weimar aus seinem preisgekrönten Erzählungsband.


Weimar. Es bestehen - dies sei nicht als Warnung verstanden - gute Gründe, Lutz Seilers Erzählungen langsam zu lesen. Der maßgebliche darunter ist wohl, dass dieser Autor, den man im alten Sinne lieber als einen Dichter denn als Schrift-Steller bezeichnen möchte, so langsam und genau schreibt, wie er auch seine Umwelt erlebt und späterhin die Erinnerungsrinden nach Geschichten sondiert. - Ein Träumer? Zumindest entfaltet der bedächtige Strom seiner Sätze eine nachgerade sinnliche Potenz, so dass selbst vermeintlich Alltägliches den Leser an metaphysische Seinsgründe gemahnt, er sich einem raunenden Beschwörer des Imperfekts gegenüber wähnt.

Diese imaginäre Situation in der Realität zu erproben, besteht nun Gelegenheit: Der gebürtige Geraer und Harald-Gerlach-Stipendiat des vorigen Jahres trägt am morgigen Donnerstagabend in der Weimarer Stadtbücherei aus seinem preisgekrönten Erzählungsband "Die Zeitwaage" vor. - Eine zweifache Heimreise, denn einige dieser 13 Geschichten berichten, mit offenbar autobiografischem Hintergrund, aus dem Thüringischen einer versunkenen Vorwendezeit.

Ohne Klage, ohne Verklärung erstehen vorm geistigen Auge Bilder einer kärglichen, keineswegs unglücklich empfundenen Kindheit und Jugend, als überlieferte Werte wie Anstand und Strebsamkeit von neuen, sozialistischen Idealen überlagert sein sollten. Man bemerkt die feinen Zwischentöne, wenn, just nach Kriegsende, ein introvertierter Knabe seine Talente zu beweisen hat, trotz elterlicher Zucht, stapelweise Notenheften und unleidlichem Unterricht sich zum glänzenden Akkordeonisten im Wismutorchester aber partout nicht entpuppt und ebenso als autodidaktischer Hochspringer im Sport scheitert.

Der Vater, Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft, bleibt ihm ein Fremder, die Großmutter tröstet voll Zuversicht: "Der Junge wird noch." Und zwar ein Schach-Filou, das schließlich bei den Greizer Kreismeisterschaften hervortritt. Es ist dies ein kleiner, die Grauheit des Zeitpanoramas überstrahlender Lichtblick, da das scheinbare Culmitzscher Kindheitsidyll allmählich, unaufhaltsam von Uranabraumhalden der Wismut verschüttet wird. Großmutter Clara erblindet.

Die Metaphorik in diesen lakonischen Schilderungen gibt sich unaufdringlich. Der sensible Leser spürt nur jenen omnipräsenten Hauch von Wehmut, der ihn nach deren Gründen forschen lässt. Seilers fast altmeisterliche, knotige Erzählweise lenkt ihn unmerklich, er ahnt anhand der erzählzeitlichen Verdichtung den Umschlagspunkt herannahen, ohne dass dieser dann spektakulär hervorträte. Erst im Nachhinein, im Nachlassen der Intensität weiß er, dass da etwas, etwas Entscheidendes gewesen ist.

In leisen Wellen bis zum Höhepunkt

Eine der berührendsten der "Zeitwaage"-Erzählungen gilt - als zweiter Teil der adoleszenten "Schachtrilogie" - der ersten Liebe. Gavroche, einem rätselhaft verschlossenen, koboldhaften Mädchen begegnet der Ich-Erzähler als Hallenser Student in den alten Wohnheimbaracken am Weinbergweg. Partie um Partie treten in erotisch unterminiertem Spiel seine Kommilitonen gegen sie an. Aber keiner hätte nur die Spur einer Chance gegen sie, sie ist eine Turandot, die alle Herausforderer vom Brett fegt. Nur er bescheidet sich im leidenschaftlich stummen Zuschauen - sie sagt: "Wer nicht spielt, muß mich bringen."

Nämlich nachhause. Mit welch wunderbarer Dezenz Lutz Seiler dann den Liebesakt mit Worten umflort, wie einfühlsam er nicht die Gefühle seines Protagonisten, sondern dessen Wahrnehmung just ihres in langsamen Wellen herannahenden und bald wieder abebbenden Höhepunktes beschreibt: Das ist in den marktschreierisch sexistischen Gefilden postmoderner Literatur ein wohltuendes, weil wirklich intimes Ereignis - und eben wiederum solch ein ominöser Wendepunkt, wie man ihn in jeder dieser Erzählungen entdecken kann.

Sie alle weisen über den Augenblick, der in einer nuancierten zeitlichen Struktur gefangen ist, hinaus. In der Titelgeschichte, einer Parallelerzählung, bringt ein Aushilfskellner in Ost-Berlin seinen Chronometer, eine "Glashütte Spezimatic", zum Uhrmacher, der ihr "Geheimherz" einer geradezu kardiologischen Anamnese unterzieht - Sinnbild eines aus dem Takt geratenen Lebens. Im zweiten Erzählstrang beobachtet er einen Bautrupp bei Reparaturen an den Oberleitungen der Straßenbahn. Der Vorarbeiter, Stammgast in seiner Kneipe, der bei ihm stets den Eindruck erweckt hatte, "eine eigene innere Schwere" gefunden zu haben, erleidet einen tödlichen Stromunfall. - Diesen Schicksals-Schlag erkennt ein der Zeitumstände kundiger Leser als parabelhaft für den Untergang der DDR.

Die leise Unruhe der Uhr, die Triebfeder der Zeitläufte, zumal ihre kaum merkliche Unregelmäßigkeit, ihr seismografisches Stocken, das größere Veränderungen - individuelle oder politische - ankündigt, bemerkt allein, wer sich still in seinen Kokon eingesponnen hat. Aus solch einem Rückzugsort schreibt uns Lutz Seiler - mit analytischer Aufmerksamkeit und voller poetischer Dichte. Ihm zuzuhören, dabei seinen subtilen Taktschlag innerlich aufzunehmen, erscheint im Lärm unserer Gezeiten als seltenes Vergnügen.

Lutz Seiler: Die Zeitwaage. Erzählungen, Suhrkamp Verlag, Berlin, 288 S., 22.80 Euro

Der Autor liest morgen, Donnerstag, 19.30 Uhr, in der Stadtbücherei Weimar