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19.04.2013

Ungewöhnlicher Deutschunterricht mit Kinderbuchautorin Verena Zeltner in Pößneck

Kinderbuchautorin Verena Zeltner berichtet Schülern in Pößneck über die Bücherverbrennung vor 80 Jahren. Foto: Mario Keim

 

Verneigung vor Erich Kästner: Die Neunhofener Kinderbuchautorin Verena Zeltner hat Schülern sechster Klassen des Pößnecker Gymnasiums über die Bücherverbrennung vor 80 Jahren berichtet. Als konkretes Beispiel hatte sie sich ihren Lieblingsschriftsteller ausgewählt.

Pößneck. Dass Erich Kästner für Verena Zeltner neben der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren ("Pippi Langstrumpf") ein besonderes Vorbild ist, mag nicht überraschen. Auch die Autorin aus Neunhofen schreibt seit vielen Jahren regelmäßig Bücher für Kinder und Jugendliche und weiß um die Popularität Kästners.

Überraschend ist vielmehr für Verena Zeltner, wieso ausgerechnet die Werke des gebürtigen Dresdners (1899-1974) zur Bücherverbrennung 1933 den Flammen zum Opfer fielen.

Ausgenommen war nur der 1929 erschienene Roman "Emil und die Detektive", sagte sie gestern vor Schülern zweier sechster Klassen des Pößnecker Gymnasiums.

Ihren Lieblingsschriftsteller hatte sich Verena Zeltner ausgewählt, um den Mädchen und Jungen anhand eines konkreten Beispiels über die Bücherverbrennung zu berichten. Damit unterstützt die Kinder- und Jugendautorin aus dem Saale-Orla-Kreis eine Aktion der Landeszentrale für politische Bildung und des Thüringer Literaturrates in Kooperation mit dem Verein Lese-Zeichen e.V., die an das schlimme Ereignis vor 80 Jahren erinnern soll.

"Vieles war mir bisher auch nicht bekannt", verriet die Autorin, die Vorstandsmitglied des Thüringer Schriftstellerverbandes ist und sich für ihren Vortrag gründlich vorbereitet hatte.

Erich Kästner war nicht nur ein Buchautor, sondern auch Verfasser von Texten für das Kabarett und Texter zeitkritischer Gedichte. "Vielleicht wollten sie nicht, dass er damit Geld verdient", vermutet die Autorin als einen Grund für die Verbrennung aller Bücher. Kästner war persönlich Augenzeuge, als am 10. Mai 1933 und damit kurz nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten auf dem Berliner Opernplatz 25 000 Bücher vor rund 40 000 Menschen verbrannt worden sind. Betroffen von dieser "symbolischen Aktion" waren 21 weitere deutsche Universitätsstädte. Die Bücherverbrennung war eine von der Deutschen Studentenschaft organisierte Aktion unter Führung eines Mitglieds des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. In der Folge dieser spektakulären Aktion waren die Werke auf der "schwarzen Liste", von der auch verstorbene Verfasser und viele jüdische Autoren betroffen waren, bis 1945 nicht mehr in Deutschland zu kaufen. Weil Erich Kästner stets an ein schnelles Ende des Krieges geglaubt habe, sei er nicht ins Ausland gegangen.

Verena Zeltner vermittelte den Schülern im Rahmen des Deutschunterrichtes in fesselnden Weise auch historisches Wissen. "Im Geschichtsunterricht wird dieses Thema erst später behandelt. Jetzt sind wir bei den Römern", sagte Deutschlehrer Markus Brink, der zugleich seit 1998 die Schulbibliothek leitet und sich daran erinnerte, dass Erich Kästner auch das Drehbuch zu "Münchhausen", dem Jubiläumsfilm der Ufa, schrieb. Im zweiten Teil einer kurzweiligen Unterrichtsstunde stellte die Autorin Kästners Buch "Als ich ein kleiner Junge war" von 1957 vor. Markus Brink freute sich über das Interesse seiner Schüler: "Sie haben gut durchgehalten. Man hat gemerkt, dass sie ergriffen waren." Für die Autorin aus Neunhofen waren die gestrigen Unterrichtsstunden "eine große Freude" und die Vorbereitung darauf eine Herausforderung, die sie glänzend meisterte. Eine Fortsetzung in anderen Schulen ist deshalb nicht ausgeschlossen.