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07.10.2002

Ungarische Literaturtage in Thüringen

von Bodo Baake Thüringer Allgemeine

Er liest mit schwerer, schleppender Stimme. Ein leises Grollen ist darin, ein Grummeln, keine Drohung. Die Worte hören sich an wie volle Koffer, die jemand über den Spannteppich eines Reiserestaurants bugsiert. Sorgsam werden sie abgestellt und nachgezählt, ob alle da sind. György Konrad mustert sein Erinnerungsgepäck. Der wachsame Träumer ist wieder unterwegs.

In der Erfurter Michaeliskirche und im Weimarer Kirms-Krackow-Haus eröffnete der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am Wochenende die Ungarischen Tage der Literatur in Thüringen. Alternierend mit seinem Übersetzer Hans-Henning Paetzke las er aus seinem neuen Roman "Abfahrt und Heimkehr".

Als scharfsichtiger, nervöser Wanderer zwischen Welten und Kulturen, zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem geht er in seinen Erinnerungen immer weiter zurück. Diesmal sieht er sich als Elfjährigen, "in einem dramatischen Jahr in Ungarn, in Erinnerungen, die nicht immer angenehm sind". Es ist die Zeit zwischen den Frühjahren 1944-45, die Besetzung Ungarns durch die deutsche Wehrmacht, der Beginn der Deportation der ungarischen Juden. Es ist die Erzählung eines Überle-benden. Er erzählt behutsam und überliefert, an den Daten und Fakten entlang schreibend, ihre sinnlichen Details - Düfte, Farben, Klänge, Stimmen. Das ist seine Methode, die Welt vor dem Vergessen in Schutz zu nehmen.

Zum Abschluss der vom Thüringer Lese-Zeichen veranstalteten Literaturtage lesen morgen in der Jenaer Ernst-Abbe-Bücherei und Mittwoch in der Kleinen Synagoge Erfurt (jeweils 19.30 Uhr) die Lyrikerin Krisztina Toth und der siebenbürgische Publizist Geza Szöcs.