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08.11.2002

Unerwünschte Protokolle

von Stephan Laudien TLZ

Jena. (tlz) Gebraucht wurden sie, wohlgelitten waren sie nicht, die Gastarbeiter
aus Mocambique, die in den 80er Jahren in Suhl Mopeds bauten. Etwa 200
Afrikaner lebten in der Stadt, gleich nach der Wende wurden sie entlassen und
zurück in ihre Heimat geschickt. Acht von ihnen sind in Suhl geblieben, wo sie
Landolf Scherzer gefunden und befragt hat.

Der Suhler Autor stellte am Mittwoch Abend in der Abbe-Bücherei sein Buch "Die
Fremden. Unerwünschte Begegnungen und verbotene Protokolle" vor; ein Buch mit
einer Vorgeschichte: Bereits Anfang der 80er Jahre befragte Scherzer die
Afrikaner und ihre deutschen Kollegen und Nachbarn - das Buch durfte nicht
erscheinen. Als die aktualisierte Fassung fertig war - Scherzer hatte sie als
Schullektüre konzipiert, - sandte er das Buch an den Thüringer Kultusminister
Krapp, der es dankend ablehnte ...

Scherzers Buch ist eine Reportage über den Rassismus, wie er in der DDR
alltäglich war. Es erzählt von den Ängsten und Unsicherheiten der einfachen
Leute den Fremden gegenüber; Irritationen, die sich manchmal in Gewalt, meist in
einem überheblichen Umgang zeigten. Etwa wenn ein Kraftfahrer die Afrikaner
frreimütig als die "Buschmänner" bezeichnet, sie als unkultivierte Wilde
schildert. Der ehemalige Wohnheimnachbar ist froh, dass die Unterkunft der
Gastarbeiter dem Erdboden gleich gemacht wurde. "Nicht dass ´die´ da noch
Asylanten einquartieren", so seine größte Sorge. Einer der Mocambiquaner,
Alfiado, erzählt, wie er Mitte der 90er Jahre krankenhausreif geschlagen wurde.
Zu DDR-Zeiten hätten die Prügeleien noch "logische Gründe" gehabt - es ging um
die Mädchen oder um Streit unter Betrunkenen - heute werde er nur wegen seiner
Hautfarbe verprügelt.

Landolf Scherzer hat Menschen aufgespürt, die zwischen den Kulturen stehen. Die
nicht nach Afrika zurück können und wollen, die hier lediglich geduldet sind.
Das Buch hält uns den Spiegel vor; es sollte in den Schulen Pflichtlektüre
werden.