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20.06.2009

Und dann rezensiere ich noch den Bücherschrank

von Frank Quilitzsch TLZ

Und dann rezensiere ich noch den Bücherschrank
Am schönsten Ort Weimars, wo kein Stadtführer hinfindet: Wulf Kirsten genießt die frische Luft und Blütenpracht im Kirchgarten des Superintendenten bei Kaffee und ofenfrischem Kuchen. Fotos (2): tlz/Peter Michaelis
Am schönsten Ort Weimars, wo kein Stadtführer hinfindet: Wulf Kirsten genießt die frische Luft und Blütenpracht im Kirchgarten des Superintendenten bei Kaffee und ofenfrischem Kuchen. Fotos (2): tlz/Peter Michaelis
Weimar. (tlz) Lieblingsplätze in Weimar? Der Garten hinter der Herderkirche, wo kein Stadtführer hinfinde, und natürlich die Bibliothek. Die anderen liegen außerhalb der Stadt, im Vorland des Thüringer Waldes, das er abgewandert ist und in zahlreichen Gedichten besungen hat. Und ein wichtiger Ort, ein Un-Ort, befinde sich auf dem Ettersberg, den er von seinem Arbeitszimmer aus täglich vor Augen hat. Dort fahren wir zuerst hin, in den Steinbruch des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald.

Schweigend schaut Wulf Kirsten auf den wie ein Amphitheater anmutenden Platz, wo zahllose Häftlinge zu Tode geschunden wurden. Ungeheuer der Kontrast zwischen idyllischer Landschaft und Barbarei: Die Steinbruchwände sind kaum noch erkennbar, wurden durch nachrutschende Erdmassen begrünt. Die Natur holt sich ihr Terrain zurück, tilgt alle Spuren. "Aber man findet immer wieder was. Der Steinbruch, das war ein Todeskommando", sagt der Autor des Bandes "Der Berg über der Stadt". "Manche Häftlinge sind mit der Absicht hingeschickt worden, dass sie dort ermordet werden. Die Wachleute haben ihnen die Kappen vom Kopf gerissen und weit weggeworfen, und wenn sie danach gerannt sind, wurden sie ,auf der Flucht´ erschossen."

Sempruns Bücher haben ihn stimuliert

Er denke nicht jeden Tag an die Buchenwald-Häftlinge, erklärt Kirsten auf der Rückfahrt, doch er war mit Fred Wander befreundet und mit Ivan Ivanji im Gespräch - beide Schriftsteller hatten die Lagerhölle der Nationalsozialisten überlebt. Und immer wieder fällt der Name Jorge Semprun. "Sempruns Bücher haben mich stimuliert, weiter zu forschen. Ich bin kein Forscher, doch ich will es möglichst genau wissen."

Das zeichnet Kirsten aus, als Dichter und Menschen, dass er sich nicht mit Oberflächlichem zufrieden gibt, dass er schürft, sich an Widersprüchen reibt und Einzelschicksalen nachgeht. So hat sich der am 21. Juni 1934 in Klipphausen bei Meißen Geborene über Detailkenntnisse selbst ein Bild verschafft von der Janusköpfigkeit der Stadt, in der er seit vier Jahrzehnten lebt. "Zu DDR-Zeiten wurde so vieles ausgeklammert und nicht mitgedacht."

So beschäftigt ihn, dass Werner Scholem, ein 1940 in Buchenwald von der SS ermordeter "Trotzkist", mit Ernst Jünger die Schulbank gedrückt hat. Er recherchiert die KZ-Zeit von Karl Plättner, der 1945 auf dem Heimweg gestorben ist. 2002 hat Wulf Kirsten gemeinsam mit seinem Sohn Holm das Buchenwald-Lesebuch herausgegeben, in dem die verschiedenen Gruppierungen zu Wort kommen, die im Lager interniert waren - Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Homosexuelle und Gläubige.

Es gebe noch etliche ungeschriebene, unbequeme Kapitel zum Thema Buchenwald. Eines sei die Häftlingsbücherei. "Wie sind die Bücher dahin gekommen? Wer durfte sie nutzen? Fest steht: Unter den Nutzern waren Häftlinge und SS-Leute. Und in der Bestandsliste findet sich sogar ein Titel wie ,Der Mann ohne Eigenschaften´ von Robert Musil." Auch müsse einmal geschildert werden, was aus der Bibliothek später wurde. "Die Russen haben sie ausgeräumt, und sie hat in Weimar gelegen, im Saal vom ,Ami´ und auf dem Mehlboden vom Bäckermeister Schmidt vis-à-vis vom Goethehaus." In dem 1945 von der sowjetischen Militäradministration unterhaltenen Speziallager seien Bücher verboten gewesen.

Darüber könne er noch stundenlang reden, meint der mit zahlreichen Preisen bedachte Lyriker, Erzähler, Essayist und Herausgeber, der am Sonntag seinen 75. Geburtstag begeht. Aber Kirsten interessiert sich genauso für das klassische Weimar und noch stärker für das des frühen 20. Jahrhunderts: Hauptmann, Rilke, Hofmannsthal, Harry Graf Kesslers Rolle im Weimarer Kunstbetrieb. Er hat Hunderte von Berichten gelesen von Weimar-Besuchern und -Bewohnern. "Es gibt viel mehr Berichte, als im öffentlichen Bewusstsein sind, oft versteckt in Biografien oder Briefen."

Spaziert man mit Kirsten durch Weimar, hat man das Gefühl, er halte Zwiesprache mit Gemäuern, Plätzen, ja sogar Bäumen. Diese Esche, sagt er, habe schon zu Herders Zeiten gestanden. Wir sind durch einen schmalen Torbogen in den Herdergarten gelangt, der eigentlich der Privatgarten des Superintendenten ist. Eine blühende Insel in der Innenstadt, von außen nicht wahrnehmbar, hier führe er gern Gäste hin, hier habe er selbst alteingesessene Weimarer schon überrascht.

Zwischen Wildrose und Mutterkraut

Mutterkraut, Quitte, Wildrose, Salatpflanzen in verschiedenem Rot. Sauerkirschbäume, Himbeerbüsche und dreierlei Johannisbeere - "man kann von allem naschen". Es ist fast still, die Gartenmauer dämpft die Außengeräusche. Man kann sich inmitten der Blütenpracht an Gartentischen auf mit Sitzkissen gepolsterten Bänken niederlassen, und die ehrenamtlich tätigen Frauen servieren auf Wunsch Suppe und Wein, Kaffee und ofenfrischen selbstgebackenen Kuchen.

Wie es ihn aus Sachsen nach Weimar verschlagen hat, darüber habe er gerade einen Text abgeschlossen: "Die Umlenkung" - ein typisches DDR-Wort. Den Lehrer Kirsten zog es ursprünglich in eine der beiden großen Verlagsstädte, Berlin oder Leipzig, er wurde dann aber nach Weimar in das neu eingerichtete Lektorat für deutsches Erbe des Aufbau-Verlags beordert.

Über seine frühen Jahre im sächsischen Klipphausen hat er schon in dem wunderbaren Prosaband "Die Prinzessinnen im Krautgarten" geschrieben. Aber die Kindheit, sagt er, geht nie zu Ende. Was hat der Schriftsteller Kirsten in der Schublade? "Kafka in Weimar" - noch so ein erst wenig ausgeforschtes Kapitel. "Mich interessiert auch, was Kafka in Weimar nicht gesehen hat." Ferner ein Band mit Prosastücken, der fertiggestellt werden muss. Und dann wolle er unbedingt noch den Bücherschrank seiner Eltern "rezensieren". Nicht jedes Buch einzeln, da gab es neben Lenau, Hebbel, Storm, Mörike ja auch Karl May, Groschenhefte und "scheußliche Gedichtbände" - "doch ich glaube nicht, dass es geschadet hat. Die Lesefähigkeit wurde entwickelt." Nebenbei fördert der langjährige Lektor die begabtesten unter den jungen Lyrikern des Landes.

An Stoff zum Schreiben mangelt es dem Jubilar nicht. "Ich erfahre immer mehr, das kann man gar nicht alles verkraften. Wenn wir nachher hier ´rausgehen, zeige ich dir das Haus des Bäckers, gleich neben dem Haus der Frau von Heygendorff oder Karoline Jagemann. Über dem Bäcker hat ein jüdischer Dramatiker gewohnt, der Deutschland 1933 verlassen hat. Wie der hier in Weimar gelebt hat, das wüsste ich natürlich gern. Aber ich weiß, dass ich nie alles wissen werde."

19.06.2009 Von Frank Quilitzsch