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13.03.2003

Unangepasst und sich selbst treu geblieben

von Nicole Linke Freies Wort Sonneberg

LESUNG IN DER STADT- UND KREISBIBLIOTHEK

... ist der Schriftsteller Landolf Scherzer, der in der Bibliothek Sonneberg sein neues Buch "Die Fremden" vorstellte.

Es gibt Künstler wie den Musiker Herbert Grönemeyer, die heute keine kritisch-politischen Arbeiten mehr machen. Und es gibt andere wie den Schriftsteller Landolf Scherzer - die sich nach wie vor zu brisanten Themen unserer Zeit äußern und Farbe bekennen..

Genau das ist wohl das Geheimnis des gebürtigen Dresdeners Scherzer, der in Dietzhausen bei Suhl lebt: „Er Ist sich treu geblieben. Schon in der DDR war er ein unangepasster Schreiber und hat manche Wahrheiten gesagt“, so Dr. Martin Straub, Geschaftsführer von Lese-Zeichen e.V., dem Thüringer Büro zur Autoren- und Leseförderung.
Die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen organisierte gemeinsam mit Lese-Zeichen e. V. die Lesung Landolf Scherzers am Dienstagabend in der Stadt- und Kreisbibliothek Sonneberg. Gerade weil der Schriftsteller sich treu geblieben sei, finde er nach wie vor sein Publikum, so Straub.
Bestätigt wurde er von den vielen Besuchern, die in die Bibliothek strömten. Unermüdlich trugen Leiterin Barbora Wronka, ihre Mitarbeiter und der Schriftsteller selbst neue Stühle heran. Der Raum war voll bis in die Gänge zwischen den Buchregalen.
Scherzer las für die Zuhörer aus seinem 2002 im Aufbau-Verlag erschienenen Buch „Die Fremden“. Ist dieses Buch also brandneu, so stammen die darin enthaltenen Texte zum Teil aus einer Zeit, als an das Ende der DDR noch längst nicht zu denken war. 1982, nach seiner Rückkehr aus Mocambique, befragte Scherzer Arbeiter, Parteisekretäre, Nachbarn und Freundinnen der rund 200 in Suhler Wohnheimen lebenden Mocambikaner über ihr Verhältnis zu den sozialistischen Gastarbeitern“. Die Aufzeichnungen dieser rund 20 Tonbandprotokolle durfte Scherzer in der DDR nicht veröffentlichen. Denn sie zeigen, dass rassistische Einstellungen in der DDR-Gesellschaft verankert waren, auch wenn sie offiziell totgeschwiegen wurden. 20 Jahre später veröffentlichte Scherzer diese Protokolle - zusammen mit Texten, die das Leben des Häufleins Mocambikaner, die nach der Wende nicht in ihre Heimat zurückkehrten, beschreiben. Und er spürte seine ehemaligen Gesprächspartner
auf. Viele von ihnen wollten jedoch nicht noch einmal mit dem Schriftstellerer sprechen oder wünschten, dass ihr Name anonymisiert wird.
Zur Entstehung des Buches erzählte Scherzer folgendes: 1999 bat Kultusminister, Michael Krapp Autoren, einen Beitrag gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt zu leisten.
„Scherzer, der meint dich vielleicht auch., dachte sich der Schriftsteller. Er bot dem Minister an, die 1982 entstandenen Manuskripte für ein Schulbuch kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das wurde dankend abgelehnt - mit dem Hinweis, dass Scherzer an den Manuskripten noch viel arbeiten müsse. Der Aufbau-Verlag machte dann aus den Texten ein Buch, ohne ein Wort zu ändern. Doch auch Scherzers Bitte, dieses für die Bibliothek einer Schule, in der er gelesen hatte, anzuschaffen.
Auch aus diesen Erlebnissen resultierende Unsuicherheit und Zweifel, mit denen sich Landolf Scherzer zuzeit herumschlägt und die er seinem Publikum offen mitteilte: „Politiker sagen nach außen hin Dinge, die sie gar nicht meinen.“ Unsicherheit bei Scherzer auch ob der Wirkung des von der Politik eingeforderten Engagegments: „In diesen Tagen ist in mir ein Gefühl von Ohnmacht einer gewaltigen Macht gegenüber und auch eine große Unruhe“, entschuldigte er sich dafür, seinem Publikum keinen souveränen Vortrag zu liefern.
Doch gerade in dem engagiertenten, ehrlichen Auftreten Scherzers, der im Stehen Passagen aus seinem Buch las und sich zwischendurch immer wieder persönlich an die Zuhörer wandte, lag der Reiz des Abends. Er erzählte Anekdoten, Zusammenhänge über den Text hinaus. Beispielsweise, dass die Kirchen in der DDR die Protokolle bereits 1985 in Predigttexten verwandten. In diesen offenherzigen Berichten geht es um Abneigung bis hin zur offfenen Gewalt gegenüber den Afrikanern, die ein Fremdkörper in der wohlgeordneten kleinen DDR-Welt waren.
Und dennoch: „Zu DDR-Zeiten gab es immer einen Grund für eine Schlägerei, ein Mädchen zum Beispiel. Heute schlagen sie dich grundlos, nur wegen deiner Hautfarbe zusammen“ gat Adelino, einer der wenigen hiergebliebenen Mocambikaner.
Doch die einfache Rechnung des, hier die bösen „Rechten“, dort die guten „Linken“, funktioniert auch für Landolf Scherzer nicht. Er, der im Laufe des Abends bekannte: „Mein herz schlägt links“, erzählte von einer Demonatration in Suhl gegen einen Aufmarsch von 300 Nazis aus ganz Deutschland, die in einer wilden Schlägerei mit militanten „Linken“ endete. „Die schrien Parolen, für die ich mich schämte“, erinnerte er sich.
Auch daher rührt heute seine große Unsicherheit: „Was ist links? Was verbirgt sich hinter Ideologien?“ Und welche Rolle spielen heute die Medien?
Dies illustrierte Scherzer anhand der Geschichte eines Mocambikaners, der nur einen Tag lang Post in Vachdorf austrug Ein Bürger weigerte sich, einen Brief von einem „Schwarzen“ anzunehmen - und auf diese Story stürzte sich 1995 die gesamte Medienmaschinerie" Deutschlands.
Scherzer veröffentlicht in seinern Buch „Die Fremden“ auch Briefe an den Vachdorfer Bürgermeister, die von Schimpfkanonaden der übelsten Sorte bis hin zu „deutschnationaler“
Rückenstärkung reichen.
Zeigen diese Äußerungen „Wie Deutschland wirklich ist“?
Landolf Scherzer scheint es nach den Recherchen zu seinern Buch zu befürchten – wenn es da nicht auch Lieben und Hoffnung in diesen Geschichten gäbe.