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17.11.2012

Überlebender des Gulag wird Held der Produktion

von Frank Quilitzsch TLZ

Auch Häftlingskinder wurden nicht geschont: Sie mussten gemeinsam mit ihren Eltern schwere Arbeiten verrichten, wie die Ausstellung "Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956" zeigt. Foto: Stiftung Buchenwald

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Der Satz von Gorbatschow trifft sicherlich nicht auf das Buch von Sergej Lochthofen über seinen Vater zu, obgleich es später kam als der Lebensbericht von Walter Ruge.

 

Der Schriftsteller Eugen Ruge hatte in diesem Frühjahr unter dem Titel "Gelobtes Land - Meine Jahre in Stalins Sowjetunion" die Erinnerungen seines Vaters herausgegeben, der als deutscher Kommunist den Gulag überlebt hatte. Nur wenige Monate später folgte der Journalist Sergej Lochthofen mit seiner Romanbiografie "Schwarzes Eis". Die Söhne erinnern an ihre Väter.

"Lorenz Lochthofen floh Anfang der dreißiger Jahre nach einem Zusammenstoß mit der SA aus dem Ruhrgebiet nach Moskau. Er wurde vom berüchtigten Vorläufer des KGB, dem NKDW, verhaftet und kehrte nach Jahren in den Lagern der russischen Arktis als einer der wenigen Überlebenden des Gulag in den sozialistischen Teil Deutschlands zurück. In der DDR des Kalten Krieges blieb er trotz einigen Erfolges als Wirtschaftsführer zeit seines Lebens ein Ehemaliger'. Beargwöhnt, weil er die Arbeitslager der Eigenen' überlebt hatte. Verdächtigt bis nach seinem Tod."

Wie sich die Schicksale gleichen! Auch Walter Ruge floh vor den Nazis nach Moskau. Auch er wurde verhaftet und ohne Urteil ins Arbeitslager gesteckt, wo er Hunger litt. Der Unterschied: Der Kommunist Ruge berichtete als Historiker selbst, und sein Sohn hat den Erlebnisbericht, mit persönlichen Anmerkungen versehen, posthum herausgegeben.

Spärliche Notizen auf Packpapier
Bei Lorenz Lochthofen liegen die Dinge komplizierter: Offenbar hat er in der DDR seinem Sohn Sergej seine Erfahrungen in der Sowjetunion, einschließlich der schrecklichen Erlebnisse im Gulag und in der Verbannung, geschildert. "Den Zeiten misstrauend, in denen allein schon das Sammeln von Nachrichten' Menschen hinter Gitter brachte, hielt ich meine Gespräche mit Vater und Großvater auf unscheinbaren Zetteln, auf Packpapier fest und verbarg die Texte in einem Stapel der Literaturzeitschrift Nowy Mir. Darauf hoffend, dass sich kein Stasimitarbeiter die Mühe machen würde, die Russenhefte' zu durchwühlen, halfen mir diese Notizen Jahrzehnte später, Ereignisse und Gespräche zu rekonstruieren und Lücken durch Recherchen zu schließen", schreibt der Sohn einleitend.

Später wird sich der Autor immer mal wieder als Ich-Erzähler zwischen den Bericht schieben, gegen Ende häufiger, da er dort aus der Perspektive des kleinen Jungen selbst als Zeitzeuge in Erscheinung tritt. Diese Kapitel sind durch einen eigenen Schriftfonds von den anderen abgehoben. Aber es gibt auch innerhalb der als "Lebensroman" bezeichneten biografischen Geschichte des Vaters Kommentare, die den Sohn als auktorialen (alles überschauenden) Erzähler ausweisen, der das Erzählte historisch einzuordnen und mit Fakten die Dimension der Verbrechen in der Stalinzeit aufzuzeigen versucht.

Sergej Lochthofen ist in Workuta geboren und hat bis zum Alter von fünf Jahren die Verbannung selbst erlebt, den Lagerzaun, wie er sagt, mit eigenen Augen gesehen. Kein Zweifel: Er musste irgendwann über seinen Vater schreiben. Er musste dessen Erinnerungen, stellvertretend für Millionen Menschen, die Stalins Lager nicht überlebten, festhalten und den Vater auf diese Weise "rehabilitieren". Doch die Form, die er gewählt hat, wirft Fragen auf.

Der Roman ist fesselnd, phasenweise packend geschrieben. Der Autor erweist sich als virtuoser Erzähler, als ein Meister der Episodentechnik. Lediglich an den mitunter didaktisch wirkenden Dialogen spürt man, wie schwer es fällt, die "Lücken" in den Schilderungen des Vaters zu schließen. Wie authentisch die Schilderungen sind, lässt sich schwer beurteilen, da im Roman Fakt und Fiktion ständig vermischt werden.

Lorenz erste Frau hatte vor der Hochzeit eine Liaison mit dem Dramatiker Friedrich Wolf, mit dem sie in Moskau weiter freundschaftlich verkehrt. Kurz vor Lorenz' Verhaftung feiern sie noch zusammen. Politbüromitglieder der DDR und der Weimarer Schriftsteller Wolfgang Held werden im zweiten Teil des Buches als Zeitzeugen in den Roman montiert. Vor jedem Kapitel sieht man Fotos, die den Vater in Moskau, im Lager und in der Verbannung sowie an verschiedenen Orten der DDR zeigen. Dies suggeriert Authentizität. Doch Zweifel kommt auf, wenn Episoden, die der Autor rekonstruiert hat, bis ins Detail ausgeschmückt und Fantasienamen eingefügt werden.

Die Grenzen der Wahrhaftigkeit
Hätte nicht eine Methode, die die Grenzen des Dokumentarischen mit in die Darstellung einbezieht und die Schnittstellen zwischen Wahrheit und Erfindung markiert, dem schriftstellerischen Unternehmen besser zu Gesicht gestanden? Zumal, wenn es um die eigene Familie geht.

Die wichtigste Frage jedoch lautet: Wie entstand das menschenverachtende Gulag-System? Wie konnte eine Idee, die auf soziale Gerechtigkeit und ein humanes Miteinander zielte, so pervertiert werden? Der sowjetische Regierungschef Chruschtschow wollte nach Stalins Tod weismachen, die willkürliche Vernichtung von Millionen Menschen sei allein das Werk einer Mörderbande gewesen, zu der er übrigens selber zählte. Andere schoben die Schuld auf das System. Sergej Lochthofen liefert Denkanstöße, die das Ungeheuerliche nicht erklären, jedoch ökonomisch einleuchten: Die Rückständigkeit Russlands und die hinter den Feudalismus zurückgesunkene Produktivität der Sowjetunion gefährdeten das Projekt "Kommunismus". Die hehren Ziele waren ohne Kohle, den Ausbau des Schienennetzes und eine Bewässerung der Wüste unerreichbar. Ergo brauchte man ein Heer von Arbeitssklaven. Der Geheimdienst lieferte sie am laufenden Band, und die den Machtapparat stützende Angst war ein willkommener Nebeneffekt. Sklaven für den Kommunismus - Lorenz Lochthofen hat es am eigenen Leibe erlebt.

Der Wodka stimmt die Genossen um
Und dennoch rüttelte dies offenbar nicht an seiner Grundüberzeugung. Er entschied sich - wie sein Schicksalsgefährte Walter Ruge - für die DDR. Sind sich die beiden jemals begegnet? Ruge wurde ein bekannter Historiker. Sein Bericht endet jedoch mit der Ankunft in Berlin. Sergej Lochthofen erzählt die Geschichte seines Vaters weiter, hängt der Gulag-Tragödie noch eine DDR-Tragikomödie an: Lorenz besteht nicht wie die meisten heimgekehrten Emigranten auf einen Versorgungsposten in Berlin, sondern geht in die Provinz, wo er vom Lehrausbilder in Gotha bis zum Betriebsdirektor in Sömmerda aufsteigt.

Es sind zumeist heitere Schelmenstücke, die der Autor aneinander reiht: Der mit allen Lagerwassern gewaschene, trinkfeste "Ehemalige" bringt die sozialistischen Verhältnisse zum Tanzen, überlistet die Planwirtschaft und beschafft Dinge, die es aufgrund des westlichen Technologieembargos im Osten nicht gibt, und erst ein Herzinfarkt kann ihn stoppen. Mit aufrechten Kommunisten wie seinem Vater, suggeriert Sergej Lochthofen , hätte das sozialistische Experiment gelingen können. Doch diese Schwejkiade ist dann doch zu dick aufgetragen, zumal es zumeist der in Strömen fließende Wodka ist, mit dem der listige Lorenz den Widerstand der Apparatschiks aus Berlin und Moskau bricht.

Sergej Lochthofen : Schwarzes Eis. Der Lebensroman meines Vaters. Rowohlt-Verlag, Berlin, 448 S., 19,95 Euro