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09.10.2009

Überleben in der Diktatur

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Zehn Jahre nach Günter Grass erhält Herta Müller den Literaturnobelpreis

Von Annerose Kirchner Wieder hat der israelische Autor Amos Oz den Nobelpreis für Literatur verpasst. Ebenso besaßen die Dauerfavoriten Thomas Pynchon, Joyce Carol Oates und Philip Roth aus den USA oder der schwedische Dichter Tomas Tranströmer keine Chance. Leer geht auch der als Geheimtipp gehandelte Rockmusiker Bob Dylan aus. Es gibt wohl keinen Literaturpreis, der seit seiner Erstvergabe 1901 für so viele Spekulationen sorgt und Kritiker auf den Plan ruft. Im vergangenen Jahr löste das schwedische Nobelpreis-Komitee mit seiner Entscheidung für einen weniger bekannten Autor, den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio, pures Erstaunen aus.
Doch seit gestern 13 Uhr ist die literarische Sensation perfekt: Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die Berliner Schriftstellerin Herta Müller. Die 56-jährige zeichne "mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit , begründet die Jury in Stockholm ihre Entscheidung und lobt die Autorin als eine "Chronistin des Alltagslebens in der Diktatur .

Herta Müller, 1953 im rumänischen Banat geboren, lebt seit 1987 als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie studierte Germanistik und rumänische Literatur in Temesvar und arbeitete als Übersetzerin. Als ihr erstes Buch, der Erzählband "Niederungen , 1984 in der BRD erschien, verstärkte sich die systematische Verfolgung durch das Ceausescu-System mit Zensur, Verhören und Hausdurchsuchungen. Wie so viele ihrer deutsch schreibenden Kollegen verließ Herta Müller 1987 ihre Heimat und ging mit ihrem damaligen Mann, dem Autor Richard Wagner, in die BRD. In West-Berlin fand sie ein neues Zuhause. Die autobiografischen Erfahrungen mit dem Totalitarismus, vor allem die Verfolgung durch die Securitate, bestimmen als literarisches Thema ihr Schaffen, nachzulesen in Prosabüchern wie "Reisende auf einem Bein , "Der Fuchs war damals schon der Jäger und "Herztier .

Inzwischen sind ihre Bücher, hochgelobt wegen ihrer überwältigenden Sprachkunst und eindringlichen Zeitzeugenschaft, in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Ihr neuer, als Meisterwerk gefeierter Roman "Atemschaukel , der an die Verschleppung Zehntausender Siebenbürger Sachsen im Jahr 1945 zur Zwangsarbeit in der Ukraine erinnert, mag die Nobelpreis-Vergabe wesentlich beeinflusst haben. Dieses Buch, das auch das Schicksal von Herta Müllers Mutter in Stalins Gulag einschließt, steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, der in der kommenden Woche vergeben wird.

Was jetzt für Aufsehen sorgt, ist nicht die Tatsache, dass Herta Müller die zwölfte Frau in der Liste der Preisträger ist, die den auf rund zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotierten Preis in Empfang nehmen darf, sondern, dass hier eine relativ junge Autorin geehrt wird, die innerhalb weniger Monate neben Amos Oz zur Top-Favoritin aufstieg. Das liegt vor allem daran, dass Herta Müller beharrlich im Stillen an ihrer Literatur wirkt und dafür über 20 prestigereiche Preise wie den Kleist-Preis oder den Joseph-Breitbach-Preis erhielt.

Zuletzt hatte Günter Grass 1999, nachdem er lange auf der Kandidatenliste stand, den Nobelpreis nach Deutschland geholt. Herta Müller - die übrigens 1994 eine Poetikvorlesung an der Uni Jena hielt - sah bis zuletzt ihre mögliche Nominierung skeptisch. Doch die Freude über die Verleihung am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm, dürfte sie inzwischen längst eingeholt haben.