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24.10.2010

Über das Liebesleben im Zeitalter der Laptops

von Udo Scheer TLZ

Lutz Rathenows Erzählungen aus zwei Jahrzehnten erschienen unter dem Titel "Klick zum Glück" im Wartburg Verlag.

 

Porträt 30 Jahre nach seinem ungenehmigten Erzähldebüt 1980 bei Ullstein legt Lutz Rathenow jetzt eine Auswahl an Prosatexten aus den letzten zwei Jahrzehnten vor. Zum größeren Teil handelt es sich um Erstveröffentlichungen. Selbst Kenner seines Oeuvres dürften überrascht sein, welche Vielfalt Herausgeber Kai Agthe hier für die Edition "Muschelkalk" - durchaus experimentell - zusammengestellt hat. "Ich schreibe zu viel Kurzes. Ich schreibe zu wenig Langes", baut Rathenow in einem Minivorwort gleich der Erwartung nach dem großen Roman vor. Und er fragt sich selbstkritisch kokett, vielleicht liege ihm das Kürzere, weil er sich so gern ablenken lasse? Tatsächlich hat der Vielschreiber Rathenow in Kurz- und Kürzestgeschichten, in Parabeln und Mini-Serien seinen individuellen Stil gefunden, um Beobachtungen, skurrile Alltagsbegebenheiten und sprudelnde Ideen auf den Punkt zu bringen und seine Leser zum Schmunzeln - oder für Momente in erstaunliche Welten. So wird die an den Anfang gestellte Erkundung "Als ich einmal Hakenkreuze zeichnete" zu einem autobiografischen Puzzle, in dem das kindliche Vergnügen an Rebellion ebenso bedeutsam ist wie der Duft des Westpakets oder die Taktzeiten beim Essenfassen im FDGB-Ferienheim an der Ostsee. Mehrfach tauchen aus früheren Büchern vertraute Gestalten auf, unter ihnen ein Autor des seltsamen Namens Bertram Bertram, der bei einem Schriftstelleressen Vertreter seiner Zunft subtil von ihren Sockeln holt. Man findet nachdenkenswerte Geschichten, in denen mal Brecht, mal Goethe auf einen Gott stößt, dem die Welt aus den Fugen geht. Und es gibt eine kleine Serie wunderbar einfühlsamer Gute-Nacht-Geschichten, wie jene, in denen ein fassadenkletternder Dieb in ein Kinderzimmer gerät und einem Mädchen, um es nicht zu erschrecken, Anrührendes aus seinem Leben als Engel erfindet.

Eine originelle Kindergeschichte Rathenows handelt von zwei Stinktieren und ihrem Wettstreit, wer von ihnen am besten stinken könne. In ihrer Fortschreibung kann man nun erfahren, welche absurden Folgen die Vermarktung ihrer Berühmtheit durch geldfixierte Erwachsene hat. In mehreren Erzählungen verändert moderne Kommunikation mit Handy und Laptop das Liebesleben, und sie lassen tief in männliche und manche weibliche Psyche blicken. Wohl nicht zufällig ist der "Klick zum Glück" zugleich die Titelgeschichte. Darin wird ein Mann, der sich am besten fühlt, wenn er 20 Dinge gleichzeitig zu tun hat, zum Glückspilz, ohne es zu ahnen. Denn in seinem Turbodasein erfährt er nicht, dass sein Liebesbrief an eine zu gewinnende Freundin irrtümlich als wöchentliche Kolumne erschien und dass seine Frau, beeindruckt von so viel unerwarteter Sensibilität, ihren vorbereiteten Scheidungsantrag zerreißt ... "Klick zum Glück" ist der bislang beste Prosaband von Lutz Rathenow.

Lutz Rathenow: Klick zum Glück. Prosa. Edition Muschelkalk, Wartburg Verlag, Weimar, 96 S., 11 Euro