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15.05.2013

Über 200 Besucher begeistert von Alice Schwarzer in Greiz

von Katja Grieser Ostthüringer Zeitung

Die Frauenrechtlerin hört den Gästen, die im Anschluss an die Lesung Fragen stellten, aufmerksam zu. Foto: Katja Grieser

Greiz. "Frustrierte Tucke", "hässlich wie die Nachteule mit dem Sex einer Straßenlaterne", "Lesbe", "Kapitalistin" (wegen der Herausgabe der Zeitschrift "Emma") und neu "Alt-Feministin", die an der "Schwelle zum Greisentum" stehe so wurde Frauenrechtlerin Alice Schwarzer von Journalisten, aber nicht nur von denen, schon tituliert. Schwarzer-Häme hat fast schon Tradition. Und ja, Alice Schwarzer polarisiert. Aber nicht am Montagabend in Greiz. Die 240 überwiegend weiblichen Zuhörer, nur gut 20 Männer trauen sich, sind vollends begeistert vom Auftritt der 70-Jährigen. Die würde den expliziten Hinweis auf ihr Alter allerdings als Affront verstehen, obwohl er nur als sachlicher Fakt zu ihrer Person gemeint ist.

Der "fulminante Ruf", der der Kämpferin für die Rechte der Frauen vorauseilt, schreckt ihre Fans überhaupt nicht ab. Im Gegenteil. Selten ist bei einer Autogrammstunde im Nachgang der Lesung ein solcher Ansturm am Künstlertisch zu erleben. Da kann Schwarzer mit jedem Schlagerstar mithalten. Will sie aber sicherlich nicht. Rührende Szenen spielen sich im Foyer ab: Umarmungen, Dankesbekundungen, gemeinsame Fotos und sogar Geschenke gibt es für die Autorin, die überwältigt scheint von einer solchen Fangemeinde.

Die hatte und hat sie nicht immer. Das bekam auch Corina Gutmann zu spüren. Die Bibliotheksleiterin die Lesung im Rahmen der Thüringer Literatur- und Autorentage hat die Bücherei gemeinsam mit Lesezeichen e. V. organisiert ist überrascht gewesen über die Reaktionen. Nachdem in der OTZ die Veranstaltung mit Alice Schwarzer in Greiz angekündigt wurde, prasselten die Pros und Kontras dazu auf Gutmann ein. "Teils war die Kritik richtig harsch", erinnert sich die Büchereichefin, die betont, dass sie alle Kritiker wie Fans eingeladen habe.

Während allein die Auftrittsankündigung für Furore gesorgt hat, bleibt die Lesung unerwartet unspektakulär. Dafür bekommt der Zuhörer viel von der Frau Alice Schwarzer mit. Von ihren ungewöhnlichen Familienverhältnissen etwa. Ihre Mutter wurde ungewollt schwanger mit ihr, die Großeltern für das Kind zu Mama und Papa. Während Opa den fürsorglichen Part übernahm, hatten "die Frauen der Familie wenig Talent zur Mütterlichkeit". Wie Schwarzer betont, kann sie durchaus mütterlich sein, aber "sagen Sie es nicht weiter", scherzt sie.

Äußerst amüsant kommen die Geschichten über RocknRoll, einschließlich der Schwärmerei über die tollen Grübchen, die Silhouette und natürlich die einmalige Stimme von Elvis, und über die "terrible Mädchenclique" daher, der Alice Schwarzer in ihrer Jugend angehört. Die Kleiderordnung, von der kleinbürgerlichen Seite verächtlich als "Ami-Look" beschimpft, besteht aus Jeans und grob gestricktem Herrenpullover. Der breite schwarze Lidstrich gehört ebenso dazu wie das Abhängen in Jazzkellern.

Sie berichtet auch, wie aus der beruflichen Ratlosigkeit eine Journalistenkarriere geworden ist, die ihresgleichen sucht. Und natürlich von der Geburtsstunde der Frauenbewegung in Frankreich und deren Überschwappen nach Deutschland, von ihrem mittlerweile in 13 Sprachen übersetzten Buch "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen". Die Folgen bekomme sie übrigens bis heute das Buch erschien 1975 zu spüren. Briefe mit Meinungen dazu bekommt sie immer noch, genau wie damals. Allerdings: "Ohne Emanzenklischee ging es schon da nicht mehr", erinnert sie sich.