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28.06.2005

Tücken und Freuden von Wetter und Fahrplan

von Matthias Biskupek Thüringer Allgemeine

Das größte Thüringer Literaturfestival lebt auch von Unwägbarkeiten

Der Lokaljournalist sagt vertraulich: Bei den vielen Festen zu Sommeranfang im Saale-Orla-Land, müssten wir anderswo sein. Feuerwehrbälle haben oft mehr Besucher. Aber Ranis ist uns eben immer ein paar Zeilen wert.
Wer da auf die Burg Ranis, im Dreieck Saalfeld, Pößneck, Rudolstadt gelegen, pilgert, einem Dichter lauscht, sich von Krimi-Autoren gefangen nehmen läßt, chinesische Weltmachtpolitik erklärt bekommt, nacheinander an drei Buchständen blättert, abendliche Konzerte bei Regenschauern genießt, am Wein schlürft, ein Bratwurst verspachtelt und dabei die eindringliche Rede des Professors Leonhardt verfolgt, muß kein besonderer Lesefan sein. Es ist die Vielfalt, die dieses Festival unter wechselnden Himmeln so anziehend macht.
Der Beobachter will keinen Programmüberblick bieten und auch keine literaturkritische Wertung dieses oder jenen Erzähltyps geben, wie im zeitgleichen Klagenfurter Vorlesewettbewerb üblich, sondern vom Besonderen erzählen: das Besondere eines Bücherfestes zwischen Mitspielnachmittag, Sommerabenddreistigkeit und tiefem deutschem Klärungsbedarf zur Nacht.
Da liest Felix Huby, der sympathische Fernseh-Vielschreiber in sympathisch schwäbischem Dialekt, nachdem Christoph Hein, zunächst skeptisch ob der Lesung unter freiem Himmel, aus seinem Roman „In seiner frühen Jugend ein Garten“ zum Besten gab, einem Roman, der ihm Schelte vor allem von führend-westdeutscher Kritik einbrachte. Huby kann es sich nicht verkneifen, zu sagen: I wollt scho immer mal Christoph Hein als mein Vorgrupp henn. Kurze Zeit später fällt die Tonanlage aus, und während Meigl, das rothaarige, kurzbehoste Technik-Unikum, herbeispringt und eilfertig den Fehler behebt, kräht Hein von hinten: Das war für die Vorgruppe!
Aus Köln kommt am Mittag die wenig erfreuliche Botschaft, dass Dieter Kühn, der über „Schillers Schreibtisch in Buchenwald“ schrieb, vom Arzt die Reise verboten bekommen hat. Martin Straub, nicht nur Cheforganisator des Festivals, sondern auch kenntnisreicher Literaturvermittler, bietet an, etwas zu Kühn und seinem Buch zu sagen – ins angesagte Burgzimmer kommen gut drei Dutzend Leute, um Straub zuzuhören, der sich als Deutsch-Lehrer im besten Sinne zeigt.
Am Sonntag liest Frank Schäfer eine lobpreisende Geschichte über seine einstige Lesung auf Ranis – er haust wieder in jenem Hotel, dessen Chefin samt Hund in seiner Story – sagen wir – sanft karikiert wurden. Diesmal, erfahren wir, ist der Hund gewachsen – Literatur wächst mit ihren Aufgaben. Die dichtende Jugend, organisiert von Jung-Verleger Helge Pfannenschmidt und Preisträger Jan Röhnert, versuchte sich in ihrer Gruppenlesung am Jazz-Prinzip: Motive des Vor-Lesers bestimmen das nächste Gedicht. Das wirkte etwas unelegant, wie die Kleidung manches Lesenden – nichts aber wäre schlimmer, als die Befolgung eines Hörer-Ratschlags: Junge Schreiber brauchten Image-Beratung. Dass Julia Schoch, die sich für die Raniser Junggruppenlesung entschuldigt hatte, derweil in Klagenfurt den zweiten Preis bekam, zeugt von geheimen Wechselwirkungen Ranis-Klagenfurt. Am letzten Abend dann wieder ein Ausfall, der den Einfall der Organisatoren, nicht nur Einzel-Künstler zu buchen, bestätigte: Vom Duo Schaller-Schulze war der Dresdner Kabarettchef Wolfgang Schaller erkrankt – Rainer Schulze, klavierspielender, schwarzhumoriger Buchhändler aus Wernigerode, vertrat seinen Kollegen so bravourös, dass Schaller fast hätte neidisch werden können. Doch er war ja nicht da, um zu sehen, wie der Himmel just über Schulzes Tasteninstrument aufriß zu einem wunderbaren Abendrot. Wir deuten diese Färbung bitte nicht parteipolitisch, sondern als optimistisches Menetekel für die Zukunft des preisens- und preiswertem Raniser Lese-Festes, das hoffentlich nie krämerhaftem Kosten-Nutzen-Denken ausgeliefert werden möge.