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22.01.2012

Trügerische Sommer-Idylle

von Martin Straub TLZ

Utz Rachowski erinnert sich in seinem Erzählband "Beide Sommer" an Kindheitstage in der vogtländischen Provinz.

Utz Rachowskis "Beide Sommer" ist schon ein Ereignis. Denn hier gibt ein Erzähler mit einer leisen, äußerst präzisen und ruhigen Sprache in einer Art Kunde vom vergangenen Jahrhundert, die den Leser ganz in den Bann zieht. Hauptort der beiden Erzählungen, die in den Augusttagen von 1961 und 1968 spielen, ist das vogtländische Reichenbach, der Heimatort des Autors. Als Kindheitserinnerungen kommen sie scheinbar leicht daher.

Die Sommeridylle wird ernstgenommen. Die Details sind liebevoll gewählt. So die Geburtstagstafel der Mutter. "Wenn die Erwachsenen reden darf ich Kakao trinken aus einer der leichten Tassen, aber vorsichtig,[...]: und darf träumen." Dem Autor ist diese Provinz nahe. Hier ist sein Boden. Wohl wissend, wie schmerzlich es ist, auf ihn verzichten zu müssen.

Der 1954 in Plauen geborene Utz Rachowski wurde Ende der siebziger Jahre wegen Verbreitung von Gedichten Reiner Kunzes, Jürgen Fuchs und Wolf Biermanns verhaftet, zu 27 Monaten Haft verurteilt und nach Westberlin ausgebürgert. Erinnerungen sind immer auch erneutes Gewahrwerden.

Auf das milde Sonnenlicht fallen Schatten. Mehr und mehr wird die Idylle zerstört. Die Gespräche bei Tisch. Die Kriegserinnerungen des Vaters und die Nachricht vom Mauerbau an diesem Geburtstag. Da ist der Vorwurf der Großmutter, dass der Vater ja "überall mitgemacht" habe. Und dem Erzähler wird schmerzlich bewusst, dass es kein kindliches Einssein mit der Welt mehr geben kann. Er spürt diese schmerzliche Trennung, "wie vom schneidenden Ton einer Säge zerteilt". Sie ist es, die sein Leben bestimmen wird.

Die "Prosa der Verhältnisse"

Auch das zweite Sommerstück handelt davon. Als im August 1968 die Panzer durch die heimatliche Ortsstraße rollen, versucht der ältere Bruder, sie mit dem Motorrad aufzuhalten. "Die letzten Tage der Kindheit" ist die Erzählung überschrieben. Die Straße der Kindheit ist eine andere geworden.

Die Erzählungen und Essays haben ein zentrales Thema: immer wieder von eigenem Erleben ausgehend, ist es das nach der Verantwortung des Schreibenden. Danach wie er sein literarisches Feld bestellt, wenn er mit der "Prosa der Verhältnisse" zusammenstößt und sein Maß finden muss. Beeindruckend der Essay "Pseudonym und Fallbeil. Um Kopf und Kragen: für Erich Ohser".

Kein Urteil über e.o. plauen

Auch hier eröffnen Kindheitserinnerungen und das Bedenken eigener Lebensgeschichte die Auseinandersetzung mit dem tragischen Künstlerschicksal von e.o. plauen, jenes Zeichners der berühmten Vater- und Sohn-Geschichten, die nach dessen Berufsverbot ab 1934 in der Zeitschrift "Das Reich" erschienen. Ohser wird sich mit seinen Karrikaturen den Nazis andienen.

Rachowski ist ein genauer Rechercheur dieses widersprüchlichen Künstlerlebens. Ihm geht es um Ohsers Zwiespälte, sein "taktisches Stillhalten", das "Mitschwimmen", seine "selbstauferlegte Schizophrenie", um öffentlich arbeiten zu können. Er schaut auf dieses Leben, das im Suizid endet, durch das "Prisma zweier Diktaturen" und erkennt "merkwürdige Doppelungen". Nein, Rachowski spielt sich nicht zum obersten Richter auf, wohl wissend, welche Anfechtungen der einzelne zu durchstehen hat, will er sich treu bleiben. "Ich hatte Glück", resümiert der Autor sarkastisch, "es war eine andere Zeit, eine andere Diktatur. Ich behielt meine Rübe oben."

Die sich anschließenden Essays "Vier Bilder zu Reiner Kunze" und "Calwer Unschärfe-Relation" greifen mit gleicher Dringlichkeit die Frage auf, "ob ein Schriftsteller oder anderweitig Begabter denn unbedingt und unter allen politischen Umständen in seiner Zeit öffentlich anwesend sein muss, immer ein bißchen auch in der Nähe der Macht." Im Anhang des Bandes gibt es ein lesenswertes Nachwort von Walter Schmitz über den Autor. Nachgedruckt ist zudem das Vorwort von Hans Sahl zur Erstausgabe von Rachowskis Band "Der letzte Tag der Kindheit". Der Titel von Sahls Roman "Die Wenigen und die Vielen" kann wohl als Lebensmotiv Utz Rachowskis gelten.

Utz Rachowski: Beide Sommer. Zwei Erzählungen und drei Essays. Leipziger Literaturverlag, 123 S.,14.95 Euro