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21.10.2011

Trotz steigender Anforderungen spart man an Bibliotheken

von Frank Quilitzsch TLZ

Erneut Armutszeugnis für die Bildungsrepublik: In Göttingen präsentierte der Deutsche Bibliotheksverband zum zweiten Mal einen alarmierenden "Bericht zur Lage der Bibliotheken".

Göttingen/Erfurt. "Eine Bildungsrepublik ohne ein gut ausgebautes und finanziell gesichertes Bibliothekswesen bleibt eine leere Hülse." - Ungeachtet solcher seit Jahren an die Politik gerichteten Appelle musste der Deutsche Bibliotheksverband in seinem gestern in Göttingen verbreiteten "Bericht zur Lage der Bibliotheken in Deutschland" eine Fortsetzung des Negativtrends konstatieren: Trotz steigender Anforderungen sehen sich die öffentlichen Bibliotheken mit massiven Sparzwängen konfrontiert. Die Hälfte aller Hochschulbibliotheken, heißt es im Bericht, müsse jetzt oder in den kommenden Monaten "Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung hinnehmen".
Dass die Kürzungen jetzt auch die Hochschulbibliotheken massiv treffen, habe ihn besonders bestürzt, erklärte Frank Simon-Ritz, Direktor der Bauhaus-Uni-Bibliothek in Weimar, im TLZ-Gespräch. Etwa ein Drittel der Einrichtungen bundesweit seien von den Sparmaßnahmen direkt betroffen. Dies bedeute Kürzungen im Medien-Etat, Stellenabbau und Reduzierung der Öffnungszeiten.
Laut Lagebericht mussten in deutschen Großstädten mit über 100 000 Einwohnern in diesem Jahr bereits 37 Prozent Bibliotheken Stellen streichen. Bei weiteren 21 Prozent stünden solche Maßnahmen unmittelbar bevor. Dass dieser Stellenabbau neben Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen auch in einem so reichen Bundesland wie Baden-Württemberg hingenommen werde, sei ein Armutszeugnis, sagte Simon-Ritz. In Baden-Württemberg betragen die Kürzungen bei den kommunalen Bibliotheken in diesem Jahr 44 Prozent.

Erstmals Landkarte des Siechtums


Erstmals hat der Bibliotheksverband, dem 2000 Bibliotheken und ca. 25 000 Beschäftigte angehören, eine Landkarte erstellt, die das Siechtum und Sterben der Bibliotheken in Gemeinden mit über 5000 Einwohnern dokumentiert. Verzeichnet sind alle kommunalen BücherAusleihstellen, die keine hauptamtlichen Mitarbeiter mehr beschäftigen. Auch hier schneiden Baden-Württemberg, aber auch Bayern und Hessen besonders schlecht ab. Und Thüringen? Im Freistaat gebe es 14 Bibliotheken in Kommunen mit zwischen 5000 und 7000 Einwohnern, die nur noch ehrenamtlich geführt würden, so Simon-Ritz. Sorgen mache ihm aber auch die mangelnde Ausstattung mit neuen Medien: "Fast überall sind die digitalen Angebote unzureichend, weil dafür kein Geld vorhanden ist. Das mindert die Attraktivität vor allem für junge Nutzer. Man darf nicht vergessen, dass Bibliotheken Bildungseinrichtungen und Orte der Begegnung sind. Hier finden Lesungen, Vorträge und Gespräche statt, werden sogar Hausaufgaben gemacht."

Anliegen des Bibliotheksverbandes, in dessen Vorstand Simon-Ritz seit Jahren mitwirkt, sei jedoch nicht nur, Politikerschelte zu betreiben. "Wir sorgen auch dafür, dass Bibliotheken attraktiver werden." Deshalb habe man den "Tag der Bibliotheken", der am Montag wieder gefeiert wird, ins Leben gerufen und die bundesweite Aktionswoche "Treffpunkt Bibliothek" gestartet, die zum vierten Mal veranstaltet wird. Auch in Thüringen gibt es vom 24. bis 31. Oktober unter Federführung der Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken zahlreiche Veranstaltungen.
Der Bericht zur Lage der Nation, pardon, der Bibliotheken wurde nach 2010 zum zweiten Mal erstellt. Die präsentierten Daten basieren auf Ergebnissen einer aktuellen Umfrage, die der Verband unter 1304 hauptamtlich geführten öffentlichen und 251 wissenschaftlichen Bibliotheken vorgenommen hat. Frank Simon-Ritz, der an beiden Erhebungen beteiligt war, zieht daraus auch positive Schlüsse: "Immerhin besuchen mit 8,75 Millionen Leuten über zwölf Jahre fast anderthalb Millionen mehr eine Bibliothek als ein Fitness-Studio. Und es gibt zwei Millionen mehr Bibliotheksnutzer als Mitglieder in Fußballvereinen." Bleibt zu hoffen, dass die Leser auch fit bleiben.


http://www.bibliotheksstatistik.de