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25.04.2006

Traumzeit und Versgebräu

von J.- F. Dwars Thüringer Allgemeine

Die Literarische Gesellschaft Thüringen e. V. bringt jedes Jahr drei neue Bände der Edition "Muschelkalk" heraus. 2005 sind es die Bände 16 bis 18, die Breite und Vielfalt Thüringer Handschriften repräsentieren wollen.

THÜRINGEN. Dabei muss ich gestehen, dass mich zunächst nur die "Traumzeit" von Annerose Kirchner angezogen hat: materialgesättigte Reportagen, Streifzüge ins unbekannte Thüringen, die das Land und seine Leute in deren Lebensgeschichten nahe bringen. Wie die von einer australischen Familie, die es ins Meiningische verschlagen hat. Oder von dem Jungen aus Eleonorenthal bei Köstritz, der zu DDR-Zeiten das Schulwesen in Guinea-Bissau aufzubauen half und sich jetzt um die Wiederbepflanzung einer "Herrenallee" müht. Entdeckungen im Alltag, plastisch erzählt mit sicherem Gespür für die Zwischentöne.Ganz anders dagegen die Gedichte von Edgar Leidel: schrill, provokativ, wegwerfend im Gestus eines Charles Bukowski. Man hatte mich gewarnt vor dem brodelnden Wortschwall, einem gärenden Versgebräu, dem noch die Reife fehle. "Elstern wie rostige Kalaschnikows" las ich auf dem Umschlag und erwartete einen wilden Vatermörder mit expressionistischen Posen. Umso größer die Überraschung, in dem freilich arg saloppen Vordergrundrauschen den gut versteckten Widerhall von Tiefergreifendem zu vernehmen. Und manchmal blitzen Bilder auf, die von großerlyrischer Begabung zeugen: ". . . dann hörte ich einige Kühe, die / im Schlachthof um ihr Leben brüllten / und das gehetzte Muhen echote / von den Hauswänden und vervielfältigte / sich über dem Viertel und irgendwo kicherte / eine Elster wie eine rostige Kalaschnikow."

Und der dritte Band? Ich glaubte, ein Altphilologe könne vielleicht etwas zu den feinen Unterschieden der neuen Übertragung des schon zig Mal übersetzten Horaz schreiben, der mich einfach nichts anging. Was sollte ich mit den Briefen eines Mannes anfangen, der acht Jahre vor Christi Geburt gestorben ist? Unsere Großväter mussten sich mit dieser Bildungslast abmühen, von der wir selber glücklich befreit sind.

Doch weit gefehlt. Sie werden staunen, wie gegenwärtig dieser Römer zu uns spricht: Ein Großstädter, der vor dem Lärm der Straßen aufs Land flieht, um sich auf das wahrhaft Wichtige im Leben zu besinnen, auf die Tugend des Maßhaltens, statt auf der Jagd nach dem vermeintlichen Reichtum in sich selbst zu verarmen. Bei Schmitz-Scholemann kommt die unverbrauchte Freundlichkeit und heitere Gelassenheit eines Menschen zum Ausdruck, der über zwei Jahrtausende hinweg mit einfachen Bildern zu uns spricht. Gerade weil er auf das antikisierende Versmaß verzichtet, erweist sich der Neuübersetzer, der in seinem Hauptberuf Jurist ist, als ein wirklicher Nachdichter, der den Wortreichtum des Horaz in unsere Sprache hinüberrettet.

Man darf also gespannt sein auf die nächsten drei Bände mit keineswegs selbstverständlicher Unterstützung der Gasversorgung Thüringen GmbH und des Kultusministeriums.

Edition Muschelkalk, hrsg. von Kai Agthe, Wartburg-Verlag Weimar, je 11,00 Euro.