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18.06.2008

Trauerfeier vor dem Tod

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitung

Trauerfeier vor dem Tod
Gespräch mit Winfried Glatzeder, der am Samstag bei den Autorentagen auf Burg Ranis liest

Bei den Thüringer Literatur- und Autorentagen von Donnerstag bis Sonntag auf Burg Ranis werden zahlreiche Autoren lesen, darunter der Schauspieler Winfried Glatzeder ("Paul und Paula"). Er wird seine Autobiografie vorstellen.

Herr Glatzeder, wie gestalten Sie Ihre Lesungen?

Als Entertainer-Programm.

Wie sind Sie auf den Buchtitel "Paul und ich" gekommen?

Weil Paul ein schöner Name ist. Ich hätte auch gern meine Söhne so genannt. Aber meine Frau wollte, dass sie Philipp und Robert heißen.

Ist Ihre Nase eigentlich von Natur aus so markant?

Das hat mit einem Boxkampf um einen Platz im Deutschen Theater zu tun, 1967. Danach musste sie operiert werden. Ich hätte sogar nochmal zu einer kosmetischen OP gemusst, aber da war ich zu feige.

Wie waren Sie als Kind?

Ich habe ziemlich viel Mist gebaut. Ich hab´ zum Beispiel den Taubenschlag vom Hausmeister auf dem Dachboden unserer Schule geöffnet, ich habe die Vögel verscheucht und die Eier den Mädchen vor die Füße geworfen.

Was war die schwerste Prüfung Ihres Leben?

Die gibt es nicht. Es gibt nur laufend Misserfolge.

Welche zum Beispiel?

Der Wechsel von Ost nach West. Oder das Alter.

Warum das Alter?

Der Körper verlässt einen nach und nach, indem die Gelenke weh tun, man Zähne und Haare verliert, und auch anständigen Sex zu machen, wird immer schwieriger. Das ist ja alles ein Horror. Da hilft nur viel Humor.

Warum war es so schwer, im Westen Fuß zu fassen?

Für meinen Beruf muss ich das Leben begreifen. Von freier Marktwirtschaft hatte ich aber zunächst keine Ahnung.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Sie daraufhin Alkoholprobleme bekamen. Wie sind Sie davon losgekommen?

Ich bin Hypochonder und weiß, dass ich Lungenkrebs kriege und rauche trotzdem. Beim Alkohol war das etwas anders. Ich habe davon immer schreckliches Sodbrennen gekriegt. Da hab´ ich gedacht, eh ich Magenkrebs bekomme, dosiere ich den Alkohol lieber.

Sie waren ein DDR-Star, was trieb Sie in den Westen?

Wir lebten doch in einem Land, in dem wir bevormundet wurden. Dass es in der DDR eine Mangelwirtschaft gab, daran hatten wir uns gewöhnt. Aber dass die Fantasie eingeschränkt wurde, dass die wenigen Möglichkeiten eingeschränkt wurden, sich fantasievoll und originell in seiner Arbeit als Schauspieler zu äußern, das war zu viel. Außerdem hatte ich einen Vertrag am Schillertheater in Westberlin.

Sie erzählen auch in "Paul und ich", dass Sie von der Stasi beschattet wurden.

Die Bespitzelung ging beim Studium los und hält bis heute an - mit dem Bundesnachrichtendienst und den Ämtern für Verfassungschutz. Da wird jeder Bürger, auch Sie, telefonisch überwacht. Alles in Allem glaube ich nicht, dass ich heute in einem besseren Land lebe, nur in einer anderen Gesellschaft, die auch ihre Fehler hat.

Die Stasi hatte schon ein IM- Pseudonym für Sie ausgewählt: Liebling. Versuchte die, Sie anzuwerben?

So ist es. Ich hatte nur Glück, weil ich mich an die Konspiration nicht gehalten, sondern in der Theater-Kantine mit Nordhäuser Doppelkorn im Körper allen davon erzählt habe.

Warum endet Ihre Autobiografie mit Ihrer Beerdigung?

Weil ich´s schade finde, dass man erst beim Begräbnis über den Verstorbenen nur Gutes redet. Und hinterher wird auf ihn in gemütlicher Runde angestoßen. Da hab´ ich gedacht, das ist ungerecht, dass man das nicht mehr miterleben darf. Es hat sich sogar schon ein Tischler angeboten, mir unentgeltlich einen Sarg nach meinen Vorstellungen zu zimmern.

Werden Sie dieses Fest wirklich feiern?

Ich hab´s mir vorgenommen.

Und besuchen Sie am Samstag den Literaturball in Ranis?

Ich weiß es noch nicht, ob ich nach der Lesung dafür noch die Kraft habe.

Gespräch: Ulrike Merkel Lesung: Samstag, 16 Uhr, Burg Ranis