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26.02.2005

Transit in eine neue Welt

von Frank Quilitzsch TLZ

Der Physiker Pierre Radvanyi hat ein Buch über seine Mutter, die Schriftstellerin Anna Seghers, verfasst.

Berlin. (tlz) Leser und Biografen, die nach Details aus ihrem Leben fragten, wurden von Anna Seghers gern mit dem Hinweis vertröstet, alles was man über sie wissen müsse, erfahre man aus ihrem Werk. Die große deutsche Erzählerin des 20. Jahrhunderts hasste den Personenkult und liebte das Geheimnis. Selbstzeugnisse aus ihrem Privatleben sind rar.

Nach ihrem Tod 1983 wurden Briefwechsel ediert, und nach der Wende tauchten zwei Manuskripte von Erzählungen auf, die den 17. Juni 1953 sowie die Schauprozesse thematisieren und von der Seghers nicht zum Druck gegeben worden waren - darunter die Novelle "Der gerechte Richter". Vor zwei Jahren erschien ihr einziges Tagebuch, das sie von November 1924 bis Mai 1925 noch unter ihrem Geburtsnamen Netty Reiling führte. Jetzt veröffentlicht der ihr Werk betreuende Berliner Aufbau-Verlag Erinnerungen ihres Sohnes, des in Frankreich lebenden Physikers Pierre Radvanyi.

Eine kurze Bemerkung zu dem Tagebuch: Es enthält kurze, mitunter halb verschlüsselte Notate einer von Sehnsucht und Unruhe getriebenen jungen Frau, deren Gedanken nachts nur um den einen kreisen: "Rodi u immer wieder Rodi". Erzählerische Motive wie das von der Suche nach Freude, ohne die der Mensch nicht leben könne, deuten sich bereits an. Die frisch promovierte Kunstwissenschaftlerin, im Mainzer Elternhaus auf die Hochzeit mit dem Ungarn Laszlo Radvanyi wartend, arbeitet zu jener Zeit an einer Erzählung mit dem seltsamen Titel "Die Legende von der Reue des Bischofs Jehan d´Aigremont von St. Anne in Rouen", die sie mit Bleistift in ein Schulheft schreibt und später offenbar vergisst. Auch das Tagebuch war nicht zur Veröffentlichung gedacht. Um so aufschlussreicher liest sich folgender Eintrag: "Den Eros, den Gott mir gab, u den ich leben muß, soll ich sicher in der Kunst leben."

Achtzig Jahre später resümiert der 1926 geborene Sohn Pierre das Leben seiner Eltern: Sie seien "den Idealen und Hoffnungen ihrer Jugend treu geblieben und auch dem einmal gewählten Engagement, obwohl sich Probleme häuften, deren Lösung sie nicht sehen konnten".

Flucht aus Paris unter Lebensgefahr

Der Vater war Kommunist, und die Mutter schloss sich unter dem Pseudonym Anna Seghers schreibend der Arbeiterbewegung an, weshalb sie 1933 - bereits eine bekannte und mit dem Kleistpreis geehrte Erzählerin - aus Nazi-Deutschland fliehen musste. Pierre Radvanyi war sieben Jahre alt, als die Odyssee, die später von Paris weiter über Südfrankreich, Santo Domingo, Ellis Island bis nach Mexiko führen sollte, begann. Die Passagen der Flucht unter Lebensgefahr - der erste Versuch, zu Fuß aus dem von der Wehrmacht okkupierten Norden Frankreichs in den freien Süden zu gelangen, scheiterte - gehören zu den bewegendsten des Buches. Interessant sind auch einige Details, die die Arbeitsweise der Verfasserin der antifaschistischen Romane "Das Siebte Kreuz" und "Transit" erhellen, während anderes hinter vagen Andeutungen verschwimmt. Aus Radvanyis Sicht war der schwere Autounfall 1943 in Mexiko Stadt, den die Mutter nur knapp überlebte, tragischer Leichtsinn. In die kurz darauf entstandene Novelle "Der Ausflug der toten Mädchen" habe Anna Seghers, als sie von der Ermordung ihrer jüdischen Eltern im deutschen Konzentrationslager erfuhr, einen Traum eingefügt, in dem die Ich-Erzählerin der Mutter wiederbegegnet.

Pierre Radvanyi ist bestrebt, seine Mutter, die er als Künstlerin und Mensch bewundert, in ihren Widersprüchen und Entscheidungen zu verstehen, ihr Bild jedoch nicht zu beschädigen. In Mexiko war er als Jugendlicher Zeuge von Machtkämpfen unter den deutschen Emigranten geworden und hatte erleben müssen, wie unbescholtene Antifaschisten ausgegrenzt wurden. Die Angelegenheit hätte ihn in seiner Absicht bestärkt, nach Kriegsende nach Frankreich zurückzukehren und nicht nach Deutschland, bekennt der 79-Jährige. Er wurde nach einem Physikstudium in Paris Mitarbeiter von Fréderic Joliot-Curie.

Die Mutter ging 1947 nach Ost-Berlin und setzte ihre ganze Hoffnung auf den Aufbau des Sozialismus in der DDR. Die Romane "Die Entscheidung" und "Das Vertrauen" habe sie geschrieben, weil man es von ihr erwartete. Ihre Bestürzung über die stalinistischen Schauprozesse teilt sie ihrem Sohn mit, dass sie bei Walter Ulbricht für Walter Janka vergeblich interveniert hat, verschweigt sie.

"Findest du nicht, dass der Elan verlorengegangen ist?" habe sie ihn Mitte der 60er Jahre gefragt. Zur Zeit der Biermann-Ausbürgerung war sie bereits von Krankheit gezeichnet und hatte sich ins Private zurückgezogen. "Ihr Vertrauen gründete sich auf die menschliche Qualität der Männer und Frauen, die sie kannte und die ihre Überzeugungen teilten", erinnert sich Radvanyi und zitiert seine Mutter: "Wenn man den letzten Tag beisammen ist, muss man sich sorgfältig kleiden, und bevor man sich verabschiedet, soll man sich einen Augenblick still zusammensetzen, als ob nichts wäre, denn das sind die letzten Eindrücke, die jeder im Gedächtnis behalten wird."

Pierre Radvanyi hat schreibend Abschied genommen.

Pierre Radvanyi: Jenseits des Stroms. Erinnerungen an meine Mutter Anna Seghers. Aufbau-Verlag, Berlin, 135 S. mit 18 Abb., 15.90 Euro.Der Autor liest am 15. März in der Alten Mälzerei in Eisenach, am 16. März in der Erfurter Buchhandlung Habel und am 17. März in der Thalia Buchhandlung Jena.