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07.03.2009

Tief- mit Blödsinn: Arbeiten von Steffen Mensching

von Matthias Biskupek TLZ

Er hat das gewisse Etwas, in Buchform: Steffen Mensching - Dichter, Schauspieler und Theaterdirektor.
Er hat das gewisse Etwas, in Buchform: Steffen Mensching - Dichter, Schauspieler und Theaterdirektor.
Hält ein Fünzigjähriger Rückschau, kann das leicht albern sein. In Pop-Industrie und Lyrik gelten andere Gesetze - der Dichter, um den es hier geht, veröffentlichte im Alter von 21 Jahren seine ersten Gedichte, war aber schon vorher in den Lyrik-Annalen der DDR verzeichnet. Die Förder-Kinderstube von einst namens "Poetenseminar" hält es sich zugute, ihn im Teenager-Alter entdeckt zu haben - doch was heißt Entdeckung bei einem Dichter, dessen Frühwerke sich kaum von seinen mittleren unterscheiden? Die späte Lyrik, so ist zu hoffen, steht noch aus.

Steffen Mensching, 1958 "zwischen den Jahren" geboren, hat noch vor Ablauf seiner ersten fünf Jahrzehnte die Lebens-Bahn sacht korrigiert. Wenn er einst den Journalismus in den Farben der DDR blitzschnell verließ, hatte das Methode. Wenn er später als fahrender Clown und Sänger, als sitzender Romanschreiber und erkundender Reporter sich seine Brötchen samt mehr oder weniger edlem Belag verdiente, so begleitete er sein Drauflos- oder Dahinleben doch immer mit Gedichten: die Bände "Erinnerung an eine Milchglasscheibe", "Tuchfühlung" und "Berliner Elegien" sammelten Ergebnisse.

Auch die Neufassung des "Struwwelpeter" reizte ihn. Und wenn er seine freischaffende Tätigkeit bei Anbruch des sechsten Lebensjahrzehnts erstmals (!) mit einem dotierten Amt tauschte, nämlich dem des Rudolstädter Theaterintendanten, so hat dies durchaus "Das gewisse Etwas", wie die vom Verfasser selbst "Ausgewählten Gedichte" überschrieben sind.

War das nun ein Kompliment, dass sich seine Frühwerke kaum von den mittleren unterscheiden? Es hat mit der Mensching-Methode zu tun: Erlesenes und Erlebtes, Triviales und Artifizielles wird so verblüffend gemischt, dass jeder professionelle Plattenaufleger neidisch sein könnte. Jakob van Hoddis haben viele variiert, persifliert, aufgehoben. Mensching schreibt einen "Weltanfang", der heute vermuten lässt: Das ist ein Text auf die Welten-Umänderung 1989? Nein, das Achtzeilending stammt aus dem ersten Gedichtband und steht folglich in dieser Auswahl schon auf Seite 10. Auf Seite 120 im "Kleinen Nachtrag zu einem alten Urheberrechtsstreit" wird nach dem Erfinder des Fahrrads gefragt. "Faraday war es / mit Sicherheit nicht ..." formuliert Mensching und verbindet, wie einst an seinem Weltanfang, Tiefsinn mit höherem Blödsinn. "Alle Finger / Übung macht den Meister", möchte man Mensching bescheinigen.

Im Band stehen auch ein paar bislang ungedruckte Texte, die nichtsdestotrotz schon auf Bühnen gesprochen wurden. Dies ist also auch Menschings Mitlese-, Nachlese- und Vorlesebuch. Der Berliner Kleinverleger Marc Berger hat diesen Band in limi-tierter, signierter Auflage hergestellt, sorgsam auf etwas zu dünnes Papier mit gelegentlich zu lang auslaufenden Zeilen gedruckt.

"Das gewisse Etwas" hat ein schönes Hochformat, einen festen blauen Einband, ein weißes Lesebändchen und eine Auflagen-Schnapszahl. Druck und Bindung verantwortete der Schaltungsdienst Lange. Eine Fügung, die als poetisches Material dienen könnte. Für Menschings Spätwerk.

i Steffen Mensching: Das gewisse Etwas. Ausgewählte Gedichte, Edition Schwarz-druck, Berlin, einmalige limitierte und signierte Ausgabe, 126 S., 27 Euro