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29.03.2010

Thüringer Tag zur Literatur in Rudolstadt

von Lutz Lindner

Rudolstadt (OTZ). Bereits zum dritten Male veranstaltete der Thüringer Literaturrat am Samstag den Thüringer Tag der Literatur. Die zentrale Veranstaltung für den Freistaat zu diesem Ereignis eröffnete Dr. Jens Kirsten aus Weimar, Geschäftsführer des Gremiums, vor mehr als vierzig Gästen im Rudolstädter Schillerhaus.

Thema des Tages war der Greifenverlag, der von 1921 bis 1926 seinen Sitz im Haus Schillerstraße 41 hatte, an dem heute noch eine Tafel auf diese Verbindung hinweist. Ziel des Tages der Literatur ist es, die Auseinandersetzung mit den Verbindungen des eigenen Wohnortes und dessen Umfeldes zur Literatur in Vergangenheit und Gegenwart zu fördern, umriss Kirsten die Absicht des Veranstalters. Matthias Biskupek, Sprecher des Literaturrates und Rudolstädter Schriftsteller, zudem heute selbst in der Schillerstraße 41 zu Hause, berichtete in seiner gewohnt satirisch-kurzweiligen Art Anekdoten, Wahres und Wahrscheinliches aus dieser Zeit.

Verlagsgründer Karl Dietz war wohl eine der interessantesten, aber auch umstrittenen Verlegerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Gegründet 1919 in Hartenstein in Sachsen, machte sich der Greifenverlag nach seinem Umzug ins thüringsche Rudolstadt schnell einen Namen durch aufstrebende expressionistische Autoren wie Johannes R. Becher, Paul Zech und Erich Weinert.

Biskupek stellte Becher in unterschiedlichen Facetten seines Wirkens nicht nur als Verfasser der DDR-Nationalhymne vor. Paul Zech hingegen ist aus der Literaturlandschaft der vergangenen Jahrzehnte fast völlig verschwunden. Der 1946 in Buenos Aires verstorbene Dichter erhielt durch Klaus Kinskis Interpretation seiner Verse Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund aus den Lasterhaften Balladen und Liedern des François Villon zwar eine unverhoffte Wiederentdeckung, sein übriges Werk schlummert aber weiterhin in der Versenkung. Sehr zu unrecht übrigens, wie der Rudolstädter Schauspieler Hans Burkia am Samstag mit einem Gedicht aus dem Band Die ewige Dreieinigkeit, erschienen 1924 im Greifenverlag, eindrucksvoll zeigte.

Überhaupt trugen die Texte, die der Mime mit Verve vortrug, zur Erheiterung des Publikums bei. Auch pikante Enthüllungen um das Werk des Sexualpädagogen Max Hodann, die in der Residenzstadt für Empörung und gerichtliche Auseinandersetzung sorgten, wurden von Burkia und Biskupek ins rechte Licht gerückt.

Musikalisch begleitet wurden die Lesungen und Vorträge durch Kapellmeister Thomas Voigt vom Theater Rudolstadt, der am Piano Stücke von Bach, Chopin, Schumann und Mendelssohn-Bartholdy spielte.

Die Jahre zwischen 1921 und 1926 waren wohl die bisher besten in der wechselvollen Geschichte des renommierten Verlages, der auch nach dem Kriege noch einige Jahre eine literarische Vorreiterrolle in der Literaturszene der DDR spielte, fasste Matthias Biskupek zusammen. Umso erfreulicher sei es, so der Schriftsteller, dass der neugegründete Greifenverlag im vergangenen Jahr in die Schillerstadt zurückgekehrt sei.