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08.01.2007

Thüringer Schüler schreiben über Gewalt und Zärtlichkeit

von Frank Quilitzsch TLZ

Es regnet schon den ganzen Tag, schreibt die 14-jährige Sina C. aus Suhl, und der Englischlehrer hat mir eine 5 verpasst. Trotzdem scheint für mich heute die Sonne und ich bin fröhlich. Denn meine Eltern haben sich heute mal nicht gestritten!
Dies ist die bislang kürzeste einer beachtlichen Zahl von Geschichten, die zum Schreibwettbewerb Gewalt und Zärtlichkeit eingegangen sind, an dem sich junge Thüringer im Alter zwischen 14 und 20 Jahren beteiligen können. Die längste Geschichte, an der Max P. (16 Jahre) aus Weimar seit zwei Monaten schreibt, trägt den Titel 'Die Gewalt der Großen' und beginnt so: Oliver war 8 Jahre alt, als ihn sein großer Bruder zum ersten Mal zur Clique in den ,Stall' mitnahm. Im ,Stall', einem unbewohnten Bauernhof, standen Sessel und Tische, lagen Matratzen alles vom Sperrmüll. Auf gestapelten leeren Bierkästen stand ihr ,Stallkino' für die Ego-Schooterspiele. Die Jungen schießen mit einem MG auf fliehende dunkelhäutige Kinder, Frauen und alte Männer und spalten den noch Zuckenden mit Beilen die Köpfe. Oliver schrie, sein großer Bruder lachte ihn aus. ,Hey, Kleiner, was ist los? Das sind doch alles nur Neger!' ...
Unter dem Motto Gewalt und Zärtlichkeit wurde der Schreibwettbewerb im November 2006 vom Thüringer Verband deutscher Schriftsteller (VS) und dem Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen e. V. gestartet. Er steht unter der Schirmherrschaft der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Kathrin Göring-Eckhardt. DGB, ver.di sowie die Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützen das landesweite Projekt. Der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, Landolf Scherzer, hat die Thüringer Deutschlehrer um Mithilfe gebeten.
Helfen Sie, dass sich Schüler nicht nur beim Bücherlesen, sondern auch beim Schreiben von Gedichten und Geschichten ausprobieren, heißt es in einem Brief, der an alle Schulen im Freistaat verschickt wurde. Die Lehrer sollen den jungen Schreibenden Mut machen und ihnen mit ihrer Erfahrung beratend zur Seite stehen.

Einsendungen sind per e-Mail möglich

Die Jugendlichen sind aufgerufen, Geschichten und Gedichte darüber zu verfassen, wie sie Gewalt erfahren, erlebt, erlitten oder anderen zugefügt haben, vielleicht weil sie keine Argumente hatten oder sich anders nicht wehren konnten. Aber auch die indirekte Auseinandersetzung ist gefragt Reflexion von oder Reaktion auf Gewalt in Form einer Liebesgeschichte oder einer geträumten Utopie.
Gewalt und Zärtlichkeit lassen sich nicht nur in Prosatexten, sondern auch in lyrischen Versuchen gestalten, wie die lakonische erste Strophe eines Gedichts 'Der falsche Weg' beweist, das von der 16-jährigen S. M. aus Geraberg eingesandt wurde: Dein Kopf ist blank, / deine Augen sind leer, / dein Hirn ist krank, / dein Herz fühlt nichts mehr.
Annemarie R. (18 Jahre) hat ein starker innerer Konflikt zu einem poetischen Bild angeregt, das schon von einem beachtlichen Sprachgefühl zeugt: Der Wolf in dir / zerriss es mir: mein Herz / in tausend Fetzen. // Gott wie viele,/ viele Tränen. // Wo ist der Mensch / in dir geblieben? / Lass mich ihn noch / einmal lieben // Versuchte dich zu zähmen / und verlor / und verlor doch nicht / mein Leben.
Mögen diese Beispiele andere ermutigen, sich ebenfalls am Thema Gewalt und Zärtlichkeit schriftstellerisch zu erproben. Noch bis zum 15. Februar können Kurzgeschichten von maximal drei Seiten Länge (ca. 6000 Zeichen) oder bis zu drei Gedichte per Post oder e-Mail eingereicht werden. Auf der Rückseite jedes Textausdrucks müssen Name, Adresse und Geburtstdatum vermerkt sein.
Eine Jury aus bekannten Thüringer Schriftstellern wird dann aus allen Einsendungen die 30 besten küren. Die Preisträger werden vom 16. bis 19. März zu einer viertägigen Schreibwerkstatt mit erfahrenen Thüringer Autoren eingeladen und ihre Arbeiten in einer Anthologie veröffentlicht, die am 10. Mai, dem 74. Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten, präsentiert wird.

Eisendungen an FBK für Thüringen e. V., Magdeburger Allee 22, 99086 Erfurt
oder per e-Mail an: fbk@fbk-thueringen.jetzweb.de