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14.04.2011

Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer wird siebzig

von Karsten Jauch Thüringer Allgemeine

Landolf Scherzer: Ein Leben für die Reportage. Foto: Jens-Ulrich Koch

Seine Reportagen hatten ihn in der DDR bekannt gemacht. Mit dem Buch "Der Erste", das den Alltag des 1. Sekretärs einer Kreisleitung beschrieb, wurde er 1988 schlagartig berühmt. Am Donnerstag feiert der Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer, der in Dietzhausen und Erfurt wohnt, 70. Geburtstag.

 

Erfurt. Das Ideal des neutralen Beobachters hat Landolf Scherzer glatt verfehlt. Seine Texte sind eine subjektive Erinnerung an die vorgefundene Realität. Dass er einmal Chronist des Wandels würde, das hatte er am Beginn seiner journalistischen Laufbahn wohl kaum geahnt.

1941 in Dresden geboren, absolvierte Landolf Scherzer ein Volontariat bei der SED-Zeitung "Lausitzer Rundschau". 1962 begann er ein Journalistik-Studium in Leipzig und wurde einer Projektgruppe Reportage bei der Illustrierten "NBI" zugeschlagen. Die erlebnisorientierten Texte, die in Berlin mit Klaus Schlesinger und Jean Villain entstanden, erschienen den Genossen im Zentralkomitee der SED zu kritisch. Die Gruppe wurde aufgelöst, Landolf Scherzer von der Universität exmatrikuliert und zur Bewährung in den entlegensten Winkel der Republik geschickt.

Ausgerechnet nach Suhl zur Tageszeitung "Freies Wort". Ein Trauma war die Strafversetzung nach Südthüringen indes nicht, wie er später immer wieder betonte, sondern eine Herausforderung. So machte er das, was er konnte: Er schrieb Reportagen vom Leben im Bezirk Suhl. Wieder eckte er damit an. Es gab ein Parteiverfahren, in dessen Folge er sich als freier Schriftsteller wiederfand. Die Kollegen bewunderten ihn. Jahre später noch wurden seine Texte den Volontären in Suhl zur Lektüre empfohlen.

Als Schriftsteller blieb Scherzer in Thüringen. Logistisch wie auch thematisch. Zu den wichtigsten Werken dürfte seine Thüringer Trilogie gehören, mit der er die Veränderungen im Lande literarisch protokolliert hat. Nach langen Verhandlungen durfte das SED-Mitglied Landolf Scherzer den 1. Sekretär der SED-Kreisleitung in Bad Salzungen beim Regieren begleiten. Das daraus entstandene und 1988 erschienene Buch "Der Erste" war in der DDR eine Sensation. Weit über 100.000 Exemplare wurden verkauft. Scherzer war ein Autor, den man ganz gelesen haben musste. Ein solche Innenansicht aus dem Parteiapparat der SED und vergleichsweise offene Beschreibung der Probleme in der DDR hatte es bis dahin nicht gegeben.

Nach der Wende, 1997, erschien von Landolf Scherzer "Der Zweite", eine Reportage über den CDU-Landrat von Bad Salzungen, ein West-Import. Unter dem Titel "Der Letzte" beobachtete er noch einmal 1999 den Wahlkampf um den Thüringer Landtag. Die Parlamentarier waren nicht begeistert, dabei hat Landolf Scherzer nichts anderes getan als die Kontinuität des Homo politicus seziert.

Viel erstaunlicher an Scherzers Texten ist in diesen Jahrzehnten die Wandlung im Sujet. Während er bei den ersten Reportage-Büchern noch in die Ferne reiste, um das Abbild des arbeitenden Menschen niederzuschreiben, hat er sich nach dem Mauerfall dem Abbild des von Arbeit ausgegrenzten Menschen zugewandt.

Anfang der 1980er Jahre galt das Interesse ohnehin den Weltfragen. Da reiste er nach Mosambik, um den Wetteifern der Systeme in einem afrikanischen Dorf beispielhaft zu analysieren. Da schiffte er sich auf einem Fischfänger ein, um vor Labrador eine extreme Arbeitswelt zu erkunden. "Fänger und Gefangene" (1983) liest sich wie die Suche nach dem Idealtypus.

Mit dem Ende der DDR fand er die Extreme vor der Haustür. Da gab es kein sozialistisches Ideal mehr, das man kritisch beleuchten konnte. Fortan tauchte er in die gebrochenen Welten der Nachwende ein. Aus der energiegeladenen Reisereportage wurde der energische Sozialreport. Scherzer geht dabei nicht wie Günter Wallraff vor. Nicht verkleidet, nicht verstellt, sondern mit der Regung des Herzens.

Dass er sich dabei in die Wirklichkeit einmischt, ist für Landolf Scherzer keine künstlerische Pose. Es ist Mit-Leid. Denn er leidet tatsächlich unter den Umständen, die er beobachtet. So fuhr er zu den Kalikumpeln nach Bischofferode. Und als in Suhl die gekündigten Musiker der Thüringen Philharmonie in den Hungerstreik treten, legte er sich im Probensaal selbstverständlich auf ein Feldbett und verweigert die Nahrung.

Die schönste Chronik aus Scherzers Feder erschien unter dem Titel "Grenz-Gänger" im Jahre 2005. Entlang des ehemaligen Todesstreifens hat er auf einer Länge von über 400 Kilometern das Niemandsland zwischen Ost und West erwandert. An der ersten Tür klopfen, um zu erleben, wer da aufmacht und welche Geschichte er zu erzählen hat. So hat er aus dem Kilometerstein ein Denkmal gemacht, das an eine längst Vergangenes erinnert.

Ob es eine gute oder schlechte Zeit war, überlässt er dem Leser. Doch im besten Sinne ist es eine Zeit-Reise-Reportage.

Typisch für Landolf Scherzer ist, dass es zum 70., wie er wissen ließ, weder eine offizielle noch eine inoffizielle Geburtstagsfeier geben wird. Natürlich freut er sich über Glückwünsche. Doch statt der Geschenke erbittet er Hilfe für ein Projekt, das ihm sehr am Herzen liegt. Auch unter dem Eindruck der Katastrophe von Japan hat er ein Hörbuch über seine Reisen nach Tschernobyl aufgenommen, das sieben Euro kosten wird. Der Erlös der CD, mindestens sechs Euro, soll Tschernobylkindern Genesungsurlaub ermöglichen. Viele Hörbücher für den guten Zweck zu verkaufen, das wäre für den Jubilar die größte Geburtstagsfreude.