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01.11.2007

Thüringer Literaturpreis an Ingo Schulze

von Matthias Biskupek Thüringer Allgemeine

Wenn etwas zum zweiten Mal geschieht, dann spricht man von Tradition. Die Tradition des Thüringer Literaturpreises besagt dies: er geht an eine gebürtige Thüringerin, die aber schon lange außerhalb Thüringens, in Berlin, lebt. Der diesjährige und zweite Preisträger hingegen ist ein in Berlin lebender Sachse - der aber wiederum zehn wichtige Jahre seines Lebens in Thüringen stationiert war.

WEIMAR. Nach Sigrid Damm erhält Ingo Schulze am kommenden Sonntag in Weimar jenen von der Literarischen Gesellschaft Thüringen verliehenen und von der Energiefirma Eon gesponserten Preis. Der Mittvierziger hat neben kleineren Arbeiten zwei respektable Erzählbände und zwei Romane geschrieben und gehört wohl nicht zu jenen Schriftstellern, die unbeirrt, weil aus innerer Bedrängnis heraus, das immergleiche Motiv in Variationen beschreiben. Schulze ist eher ein höchst kunstsachverständiger, unterhaltender Schreib-Gelehrter, der für das jeweilige Thema die gemäße Art sucht - und findet. Sein erster Band von 1995 "33 Augenblicke des Glücks" nutzt auf großartige, fast lehrbuchreife Weise russische Erzähltraditionen. Einige Zeit zuvor lebte und arbeitete Schulze für ein halbes Jahr in St. Petersburg. Sein jüngster Band "Handy", preisgekrönt zur Leipziger Buchmesse, bietet "Dreizehn Geschichten in alter Manier" - und verrät, was Schulze kann und will: eine Manier beherrschen. Das Alte kennen und können. Geschichten schreiben. Und in der Titelgeschichte nebenbei vorführen, wie ein Handy einen Menschen besser an die Leine nehmen kann, als eine jede draht- oder stacheldrahtgebundene Einrichtung. Auch jener Roman, dem der Autor wohl den Ruf, Thüringer zu sein, verdankt, ist eine Kurzgeschichtensammlung. "Simple Storys" spielt unverkennbar in Altenburg und bringt die Zeit der Glücksritter und ewigen Verlierer, der politischen Lokaltrompeten, der Wendehälse und kleinen Verbrecher nach 1989 ins Bild, in den Original-Ton, in die sinnlichen Erzählstrukturen miteinander verwobener Stücke in amerikanischer Goldgräbermanier. Zu Schulzes sehr dickem Brief-Roman "Neue Leben - Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa" gebe ich kein Urteil ab, obwohl es mir leicht fiele, denn ich habe ihn noch nicht gelesen. Doch man will im Alter nicht nur zum dritten Mal Dostojewski oder Balzac schmökern, sondern auch mal einen echten Schulze zum ersten Mal genießen. Zurück zu Ingo Schulzes Thüringer Zeit: Fünf Jahre Jena als Student und anschließend fast ebenso lange Altenburg - als Theaterdramaturg und Anzeigenzeitungsmacher - ließen ihn trotz unverkennbar sanften Dresdner Singsangs bei manchem zum Ur-Thüringer werden. Hört man die Geschichten einiger seiner Be-kannten aus jenen Städten über den jungen Schulze, so schwingt mit: Das haben wir schon immer gewusst! Der bringt´s mal zu was!

Acht renommierte Literaturpreise sind durchaus "was". Der Thüringer Literaturpreis hat nun durch ihn ein weiteres Stück Renommee gewonnen. Glückwunsch den Preisgebern wie dem Preisnehmer. Nun sollte die Traditionslinie des Preises weiter führen: vielleicht zu einer Nichtthüringerin, die außerhalb Thüringens lebt, aber Thüringen zu beschreiben weiß.