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25.07.2012

Thüringer Landesmeisterschaften im Poetry Slam in Jena

von Jördis Bachmann TLZ

Der moderne Dichter: Felix Römer ist als Workshopleiter an Thüringer Schulen unterwegs. Er eröffnet den Jugendlichen einen neuen Zugang zu Sprache. Archiv-Foto: Jördis Bachmann

Die "Thüringer Schulmeisterschaften im Poetry Slam", die vom Verein "Lese-Zeichen" Anfang des Jahres initiiert wurde und mit Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, des Thüringer Kultusministeriums und des Friedrich-Bödeckerkreises Thüringen in den vergangenen Monaten umgesetzt wurde, findet am Sonntag in Jena statt.

Jena. Dieser Typ mit den Struwwelhaaren und dem Dreitage-Bart ist so locker wie seine Jeans sitzt: Wenn Felix Römer das Klassenzimmer betritt, hat er nach wenigen Minuten die Schüler auf seiner Seite. Römer ist freier Autor, Moderator - und er ist Poetry Slammer, also ein Dichter, der sich vor Publikum mit anderen Dichtern im Wettstreit misst. Seit mehr als zehn Jahren steht er auf verschiedenen Bühnen und präsentiert seine Texte. Poetry Slammer sind moderne Poeten, die alles, was sie interessiert, zu kurzen Texten verarbeiten. Sie sind witzig, gesellschaftskritsch, gefühlsgeladen, wortgewandt, tiefgründig und nehmen kein Blatt vor den Mund. Und wo der alte Goethe scheitert und die Deutschlehrerin verzweifelt, da haben die Poetry Slammer leichtes Spiel: Sie schaffen es, Jugendliche für Sprache zu interessieren. "Von so einer Aufmerksamkeit würde jeder Lehrer träumen", sagt Anke Scheller. Sie ist Koordinatorin des Pilotprojekts "Thüringer Schulmeisterschaften im Poetry Slam", das vom Verein "Lese-Zeichen" Anfang des Jahres initiiert wurde und mit Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, des Thüringer Kultusministeriums und des Friedrich-Bödeckerkreises Thüringen in den vergangenen Monaten umgesetzt wurde. An je einer Schule in acht Thüringer Städten wurde ein Workshop angeboten, in dem Schüler ihre eigenen Texte verfassen konnten - geleitet von Felix Römer. "Er hat ein ähnliches Projekt schon sehr erfolgreich in hessischen Schulen durchgeführt", sagt Anke Scheller. "Wir sind froh, ihn jetzt für Thüringen gewonnen zu haben." Mit Schülern der achten bis zwölften Klassenstufen hat er je zwei Tage gearbeitet: "Natürlich haben die Schüler vor allem das zu Texten verarbeitet, was sie in ihrem Lebensumfeld umgibt. Es ging um Familie, Beziehungen aber auch um Gesellschaftskritik", sagt Römer. "Ich habe versucht, ihnen einen Perspektivwechsel zu ermöglichen und gemeinsam mit ihnen Vergleiche und Metaphern für das zu finden, was sie sagen wollen."

"Ich fühle viel - auch mit anderen"

Jeder Schüler stellte zum Abschluss des Workshops seinen Text in einem schulinternen Dichter-Wettstreit vor. "Das ist nicht einfach, denn die meisten Texte verraten viel Persönliches über ihren Verfasser", sagt Anke Scheller. "Doch die Schüler sind respektvoll mit den Gedanken der anderen umgegangen. Alle Texte waren sehr reflektiert." Über geheime Abstimmung wurden aus jeder Schule die zwei besten Texte ausgewählt. Insgesamt zehn Schüler qualifizierten sich damit für die Thüringer Schulmeisterschaften, die am vergangenen Sonntag im Jenaer "Kassablanca" stattfanden. Hier traten die besten Schüler aus den Workshops gegeneinander an. "Es war keine Atmosphäre von gegenseitiger Konkurrenz", sagt die 15-jährige Luise Zöppig aus Ilmenau, die die Schulmeisterschaften mit ihrem Text "Stiller Streit" gewann. Wie bei jedem Poetry Slam entschied das Publikum, wer das Rennen macht. "Es ging aber gar nicht ums Gewinnen. Es war einfach nur schön mit Leuten zusammen zu sein, die so ähnlich sind wie man selbst. Wer Texte schreibt, der ist kreativ und meist auch etwas verrückt. Es hat einfach nur Spaß gemacht", sagt Luise. Ihr Text beschäftigt sich mit den unausgesprochenen Worten, die die Kluft zwischen Menschen wachsen lässt. "Es geht um Menschen, die vielleicht schon lange miteinander leben, aber immer einen stillen Streit miteinander austragen. Die sich nicht trauen, die Beziehung zu beenden oder offen über ihre Probleme zu sprechen", sagt Luise über ihren Text. Sie sei ein Mensch, der viel fühle - auch mit anderen. Diese Empathie helfe ihr dabei, Texte zu stricken. Am kommenden Sonntag, werden dann im Jenaer Kassablanca die echten Thüringer Slam-Profis auf der Bühne stehen. Dann nämlich werden zum ersten Mal die Thüringer Landesmeisterschaften im Poetry-Slam ausgetragen.

Ob Eisenach, Erfurt, Jena oder Weimar - der Dichterwettstreit ist seit Jahren aus der Kulturszene Thüringens nicht mehr wegzudenken. Nun endlich wird der Verein "Livelyrix" gemeinsam mit der Kulturarena Jena die besten Thüringer Slammer zu einem großen Landesausscheid zusammenbringen. Wer hier das Publikum erobert, der fährt im November zu den Deutschen Meisterschaften nach Heidelberg und Mannheim. "Wir haben erreicht, dass vor den Profis am Sonntag ein U-20-Starterfeld antreten darf. Da werden unsere beiden besten Schüler aus dem Workshop-Projekt dabei sein", sagt Anke Scheller. Auch sie haben die Chance, sich für die Deutschen Meisterschaften als U-20-Starter zu qualifizieren. Das Projekt "Thüringer Schulmeisterschaften im Poetry Slam" eröffne Jugendlichen einen neuen Zugang zu Sprache, sagt Anke Scheller. "Auf der Bühne zu stehen und Applaus zu bekommen gibt Selbstvertrauen und zu schreiben helfe den Jugendlichen, reflektiert mit ihrer Umwelt umzugehen. Aus diesen Gründen hofft der Verein "Lesezeichen", das Projekt auch im kommenden Jahr anbieten zu können. "Das hängt vor allem an der Finanzierung. Wir suchen noch immer nach einem Sponsor. Unser Ziel ist es, das Projekt auszuweiten auf Mitteldeutschland."

Thüringer Landesmeisterschaften im Poetry Slam Sonntag, 20 Uhr im Jenaer Kassablanca. Wer das Projekt "Thüringer Schulmeisterschaften im Poetry Slam" unterstützen will, kann sich bei Anke Scheller vom Verein Lesezeichen melden, unter der Mailadresse: ranis(at)lesezeichen-ev.de