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05.05.2004

Thüringer 'Kulturbündnis' übt sich im Knicks vor der Politik

von Eike Kellermann Freies Wort

Ein Thüringer Kulturbündnis hat den Parteien Wahlprüfsteine zugerollt. Ins Stolpern kam deshalb niemand. Nun fühlen sich die ratlosen Künstler kaum klüger als zuvor.
ERFURT ? Eine Frage ist keine Klage, heißt es. So müssen die Kulturobleute der Thüringer Parteien vor Dankbarkeit feuchte Auge bekommen haben, als bei ihnen vor einigen Wochen Post einging. Ein gerade gegründetes ?Kulturbündnis Thüringen?, das zwölf Verbände der hiesigen Kulturszene umfasst, übte sich darin im kulturpolitischen Knicks. Oder wie sollte man es nennen, wenn als ?Wahlprüfsteine? bezeichnete Fragen dieser Art gestellt werden: ?Welchen Stellenwert hat Kulturpolitik in Ihrem politischen Handeln??

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Politische Wahrheit

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Selten, dass Politikern so viel Gutes widerfährt. Man muss sie gar nicht schelten für Antworten, in denen sie sich zum Wahren und Edlen empordrechseln. Die politische Wahrheit ist zuerst einmal unkonkret, Genossen.

Natürlich ist das auch den Kulturschaffenden nicht entgangen, die gestern die auf 30 Seiten zusammengestellten Antworten vortrugen. Der Vertreter des Bibliotheksverbandes, Frank Simon-Ritz, bemerkte: ?Viel Allgemeines, viel Wahlkampf. Es fällt mir schwer, das wiedergeben zu können, ohne Nebelbomben zu werfen.? Das Mittel verwenden Polizisten, wenn sie jemanden zu überwältigen suchen. Genau darum könnte es gegangen sein.

Sprachlich zünden Nebelbomben mit Wörtern wie ?hoher Stellenwert?, ?Erhalt und Festigung?, ?angemessen?, ?stärker gefördert? und so weiter. Hat jemand ernsthaft erwartet, ein Politiker könnte ? und vor allem vor der Wahl ? sagen: Tut uns leid, Jungs. Wir machen zwei Theater dicht und schließen drei Museen. Und wenn's ganz dicke kommt, auch fünf.

Im Gegenteil, er wird das Lied vom ?hohen Stellenwert? flöten und den Kanon anstimmen: ?Stärker fördern?. Ganz besonders wird er das machen, wenn er Regierung ist und wenn nicht, dann wird er bei Versprechungen so zurückhaltend sein wie Pauschaltouristen am Frühstücksbüffet. Legen wir doch einfach 50 Stellen mehr auf den Wahlkampfteller.

Die Regierenden sagen, wie es ist, ist es gut. Die Opposition, wie alles besser werden wird. So bei der Kulturquote, dem Anteil der Kulturaufwendungen an den Gesamtausgaben des Landeshaushaltes. Zwischen 1,4 bis 1,5 Prozent beläuft sich der Anteil in Thüringen ? auf ?einem Spitzenplatz? in Deutschland fühlt sich damit die CDU. PDS und SPD wollen mehr, die Sozialdemokraten schlagen zwei Prozent vor.

Drei ziemlich handfeste Vorschläge stammen von der PDS: Sie will die Breitenkultur mit einer eigenen Stiftung finanziell absichern, ein Landesgesetz für die Musikschulen und sie will Beschäftigte von der Arbeit freistellen, wenn sie sich für ihre ehrenamtliche Tätigkeit weiterbilden. Dass lässt nicht nur Chorleiter aufhorchen.

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Eher Ratlosigkeit

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Trotzdem waren die Kulturverbände, etwa Landesmusikrat, Verband bildender Künstler und Schriftsteller-Landesverband, gestern eher ratlos. Ein Vertreter fragte sich laut: ?Was haben wir denn nun davon?? Einen Nutzen sollte doch die Mühe haben. Und siehe, wer sucht, der findet. Die sich ihrer jeweils eigenen Interessen durchaus bewussten Verbände lobten sich dafür, überhaupt zu dem Bündnis zusammengefunden zu haben. Kein Neid mehr, sondern Zusammenhalt, lautet die neue Erfahrung.

Und nachdem die Kulturpolitik den ersten Angriff souverän parierte, soll der zweite nun mit konkreten Forderungen geführt werden. Mit einem Ja oder Nein kann man sich schlecht im Sprachnebel verstecken, zumindest fällt das auf.