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22.03.2011

Thüringer Bücherfrühling: Landolf Scherzer liest in Apolda

von Kartsen Jauch Thüringer Allgemeine

Landolf Scherzer: Häufig zu Lesungen in Thüringen unterwegs. Foto: Roland Obst

 

Es ist eine schmerzhafte Überraschung. Als Landolf Scherzer vor wenigen Jahren nach Tschernobyl reiste, erschienen die entstandenen Texte an eine schon vergessene Katastrophe zu erinnern. Japans Unglück holt jetzt das Angstgefühl heim.

Erfurt. Für Auftritte auf der gerade zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse blieb keine Zeit. In diesen Tagen trifft man den Schriftsteller Landolf Scherzer eher in den Erfurter Studios von Radio Funkwerk an. Er liest dort seine Texte für ein Hörbuch ein. Auflage 2000 Stück. Das Geld soll strahlengeschädigten Kindern helfen. Nicht in Japan, wo die Atommeiler außer Kontrolle geraten sind, sondern in Tschernobyl. Denn dort hat Landolf Scherzer vor zweieinhalb Jahren beobachtet, welche Spätfolgen der Gau hat. Mit einem Hilfstransport reiste er von Weimar aus in die Ukraine. Auch wenn ihm das Eindringen in die verstrahlte Zone nicht gelungen ist, beschreibt er detailgetreu eine verseuchte Landschaft. Die nüchternen Zahlen der Physik offenbaren dabei den Schrecken der Halbwertzeit in einem heruntergekommenen, abgewirtschafteten Land. Der Unterton, der die vorgefundene Gegenwart mit den Erinnerungen aus DDR-Zeiten vergleicht, gibt den Texten zwar die lebendige Note einer Reportage. Indes, sie werden auch entwertet, wenn der Vergleich das Vergangene endlos idealisiert. Denn der Tonfall ist nicht Ausdruck einer ironischen Regung, sondern nur persönlicher Verbitterung. Noch deutlicher wird die Dissonanz in den Texten über die Tafeln Eisenach. Eine Woche hat Landolf Scherzer dort ausgeholfen, um hernach den Anspruch der Sozialpolitik an der Wirklichkeit von Hartz IV zu messen. Da werden Zitate aus dem Berliner Politbetrieb eingestreut, die so wohlfeil sind, dass selbst die CDU damit Bauchschmerzen hätte.

Weitaus weniger oberflächlich sind die Porträts in der dritten Reportage des Bandes. Es ist eine fast kriminalistische Suche nach den Trägern des Titels "Held der Arbeit", der in der DDR mitunter wie Streusalz verteilt wurde. In berührenden Schicksalen bildet Landolf Scherzer die Zeit ab. Landolf Scherzer, "Letzte Helden", Aufbau-Verlag, 9.95 Euro. Der Autor liest heute um 19.30 Uhr in Apoldas Schlossbibliothek. Mit Felix Leibrock ("Lutherleben") liest ein weiterer Thüringer Autor am Donnerstag um 19 Uhr im Apoldaer Schloss.