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26.10.2011

Thüringer Bibliotheksverband sorgt sich um Bibliotheks-Erhaltung

von Gerlinde Sommer TLZ

Annette Kasper, die Vorsitzende des Thüringer Bibliothekenverbands und Chefin der städtischen Ernst-Abbe-Bücherei in Jena, sorgt sich um die Zukunft vor allem der kleineren, hauptamtlich geleiteten Bibliotheken. Archiv-Foto: Peter Michaelis

Erst als die Türen der Schlotheimer Bibliothek nicht mehr öffneten, wurde den Bürgern bewusst, was sie gerade verloren hatten. Und tatkräftige Frauen allen Alters fanden sich schließlich zusammen, um gemeinsam die Bibliothek wieder aufzusperren. Annette Kasper, Chefin des Thüringer Bibliotheksverbandes, erzählt diese Geschichte nicht, damit sich andere Kommunen ein Beispiel daran nehmen.

Schlotheim/Tannroda/Jena. Zwar hat Schlotheim einen der projektbezogenen Förderpreise beim Thüringer Bibliothekspreis erhalten, den die Sparkassen-Kulturstiftung ermöglicht und in dessen Jury unsere Zeitung mitwirkt, und das Beispiel von Schlotheim ist mit Blick auf das Bürgerengagement durchaus gut. Aber: Das Ehrenamt, sagt Kasper, dürfe nicht überstrapaziert werden. So ehrenwert es ist, wenn sich die Schlotheimerinnen in den Bibliotheksdienst teilen, fachliche Begleitung ist weiterhin nötig. Und ohne Etat für Neuerwerbungen schrumpft die Attraktivität, die Besucher bleiben aus - schließlich werde dann auch die Kraft der Ehrenamtlerinnen verbraucht sein, warnt sie. Thomas Liebetrau (parteilos), der Bürgermeister der kleinen Kurstadt Bad Berka südlich von Weimar, kann da nur zustimmen. Seine Stadt unterhält sowohl in Bad Berka als auch in Tannroda eine Bibliothek - und zwar mit insgesamt zwei Personalstellen, die sich drei Frauen teilen. Gerade erst hat er eine Akademikerin einstellen können, die als Dreifach-Mutter - nach der Erziehungszeit - einen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben sucht, aber in ihrem angestammten Bereich nicht fündig wurde ohne lange Fahrzeiten. Die Bibliotheken in Bad Berka und Tannroda sind Anlaufstellen für alle Altersgruppen. Mit der Grundschule in Tannroda gibt es sogar einen Vertrag und die Kinder kommen regelmäßig zum Büchertausch. Zweimal jährlich fahren sie auch nach Bad Berka, weil dort die Bibliotheksmitarbeiterinnen mehr Platz für Veranstaltungen haben.

Etat wichtig für die Attraktivität

In Tannroda wurde ein altes Gebäude saniert; auch für diese Einrichtung hatte es im Vorjahr einen Projektförderpreis von Sparkassen-Kulturstiftung und Bibliotheksverband gegeben. Liebetrau hat das weiter Mut gemacht, die Bibliotheksstandorte in seiner Stadt zu unterstützen. Bereits zuvor hatte er in die Wege geleitet, dass der Ankaufsetat auf 10.000 Euro jährlich angehoben wurde. Für den jungen Bürgermeister war das nicht nur eine Finanzfrage, sondern auch eine Herzenssache: Als Schüler hatte er in einer Klinikbibliothek geholfen und weiß aus jener Zeit, wie wichtig die Aktualität des Bestandes ist. Das sei zu DDR-Zeiten so gewesen - und heute nicht anders. Eine Bibliothek zuzusperren und dann darauf zu setzen, dass die Bürger sich dieser Aufgabe annehmen, hält er für eine trügerische Hoffnung: "Wir dürfen das Ehrenamt nicht überfordern", sagt er und verweist darauf, dass schon jetzt in kleinen Städten mancher Bürger in zwei, drei Vereinen und Organisationen engagiert sei. Diesen wenigen, die sich einbringen, alles aufzuladen, führe zur Überforderung. Zudem fehle auch der Nachwuchs für solche Ämter: Die Jungen ziehen aus vielen Regionen des ländlichen Raumes weg, die Generation der Familienväter und -mütter ist durch Arbeit und Kinder in doppelter Weise belastet und hat kaum noch für weiteres Engagement Zeit und die Senioren werden inzwischen auch von den Wohnangeboten der Städte umgarnt und könnten immer häufiger den Unruhestand anderswo als auf dem Land verbringen. Darauf, sagt Liebetrau, müsse der Landesentwicklungsplan Antworten geben.

Annette Kasper blickt derweil auf die Erschwernisse, die auf die öffentlichen Bibliotheken zukommen: Sie sollen den ungehinderten und freien Zugang zu Wissen, Information und Kultur sichern und auch die Lese- und Medienkompetenz fördern. Dazu seien, heißt es in den Thesen des Verbandes, an jedem Schulstandort eine öffentliche Bibliothek mit ausreichend Öffnungszeiten, orientiert am örtlichen Einzelhandel, und entsprechenden Räumlichkeiten nötig. 60 Quadratmeter je 1000 Einwohner, schlägt der Vorschlag vor. Derweil gehen auf Bundesebene einige Unionsabgeordnete sehr viel weiter: Sie wollen, dass Bibliotheken vor allem auch an Samstagen sowie an Sonn- und Feiertagen die Türen aufsperren, damit Familien und Berufstätige Gelegenheit haben, gemeinsam zu stöbern und zu schmökern. Möglich wäre wohl auch dies, Kasper aber hofft, dass die Politik vor allem ihre zehn Eckpunkte für die Weiterentwicklung und den Erhalt der öffentlichen und der Hochschulbibliotheken zur Kenntnis nimmt.

Veranstaltungstipp

Hunderte Veranstaltungen unter dem Titel "Treffpunkt Bibliothek" locken derzeit in ganz Thüringen. Mit dabei: Frank Quilitzsch, Kulturredakteur unserer Zeitung. Er liest am Donnerstag, 19.30 Uhr, in Schloßvippach: "Dinge, die wir vermissen werden". In Gotha ist am Freitag, 28. Oktober, 18.15 Uhr, Asfa-Wossen Asserate im Spiegelsaal der Forschungsbibliothek zu Gast mit "Ein Prinz aus dem Haus David und warum er in Deutschland blieb" sowie "Draußen nur Kännchen - meine deutschen Fundstücke". Mehr dazu:

www.treffpunktbibliothek.de