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14.06.2014

Thüringer Anthologie: Die Liebe und die Dauer

von Martin Straub Thüringer Allgemeine

André Schinkel, geboren 1972, studierte Germanistik und Archäologie; 1994 debütierte er mit dem Gedichtband "durch ödland nachts". Seine Gedichte und sein Prosa wurden in 15 Sprachen übersetzt. Er ist Chefredakteur der Zeitschrift "oda" und lebt in Halle. Foto: Nils-C. Engel

Im nächsten Teil unserer Reihe Thüringer Anthologie geht es um das Gedicht Vertäuter Himmel von André Schinkel

Vertäuter Himmel

André Schinkel

Das macht dich sekundenlang froh: Du kannst den Duft der Frau

Noch ertragen, die dich seit Jahren


Ins Gemach ihrer Häute einlädt.

Und das lehrt dich Demut:

Wenn die Töchter dich wortlos

Plappern, und du nicht weißt,


Woher dieses vitale Ungestüm ist.

Aber das ist die Lockung, die der

Vertäute Himmel dir gibt:

Du kommst zwischen den Klüften

Der ständigen Ausfahrt zur Ruhe.


Was sonst noch passiert, scheint im Moment


Weniger wichtig im Licht


Ihrer meerfarbnen Augen lehnt sich


Dein Leib einen Lidschlag zurück.


Schinkel, der sich im Thüringischen immer wieder zu Hause fühlt? Zumeist besingen ja Liebesgedichte den Beginn einer Partnerschaft oder sie betrauern den Abschied. Die Dauer einer Beziehung aber mit all ihren Konflikten wird eher der Prosa überlassen.

Bei André Schinkel ist der Himmel nicht mehr offen, er hängt nicht voller Geigen. Er ist "vertäut". Seine vier an den Blankvers angelehnten Strophen bedenken "sekundenlang", "im Moment", "einen Lidschlag" in stiller Selbstbefragung eine Partnerschaft, die zur Gewohnheit geworden ist.

Nein, hier ist das Ineinander beider kein glückselig machender Akt. Distanz ist angesagt. "Du kannst den Duft der Frau / Noch ertragen", heißt es da. Auf dem "Noch" liegt der Ton. Steht da nicht auch unausgesprochen ein: wie lange noch?

Die erste und die letzte Strophe bilden den intimen Rahmen. Die mittleren Strophen sprechen von Demut und Bescheidung, ja von der "Lockung" eines verschlossenen Himmels. Ein "vitales Ungestüm" ist dem Sprechenden fremd geworden, war es ihm nicht auch einmal zu eigen? Die dritte Strophe gipfelt in einem Zur-Ruhe-Kommen. Dennoch, Unruhe ist nicht nur in diesem Moment zu spüren, sondern auch in dem so gar nicht glatten Zeilenenden der vier Strophen, wo durch das "Enjambement", den sogenannten "Zeilensprung" die Sinneinheiten gebrochen werden, als sei da ein Stocken im Rede- und Gedankenfluss.

Schinkel greift einen Lebensstoff auf, der die alten Mythen immer wieder beschäftigt. Was geschieht mit denen, ob sie nun Odysseus oder Jason heißen, wenn sie nach all ihren Abenteuern heimkehren und das Vormals nur von ganz fern in die Behausung ihrer Gegenwart klingt? Ist es nicht tröstlich, dass sie sich in den Momenten der Unruhe treu bleiben? Oder finden sie im "Plappern" der Töchter doch noch Ruhe?

Martin Straub ist Germanist, Literaturvermittler, Vorsitzender des Lese-Zeichen e.V., den er mit gründete.

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