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10.05.2013

Thüringen erinnert an Bücherverbrennung vor 80 Jahren

von Sigurd Schwager Thüringer Allgemeine

Der Kabarettist Ulf Annel und Verena Fränzel gestalten am 17. Mai um 19.30 Uhr im Erfurter Cafe Nerly einen Ringelnatz-Abend. Der Eintritt ist frei. Auch die Werke von Joachim Ringelnatz wurden 1933 verbrannt. Ein Jahr später verstarb der Dichter Foto: Archiv

Erfurt. Von Altenburg bis Zella-Mehlis wird an die Bücherverbrennung vor 80 Jahren erinnert. Thüringen gedenkt mit 150 Veranstaltungen des Tages, an dem die Nazis die Scheiterhaufen lodern ließen.

1821 schrieb der Dichter Heinrich Heine in seiner Tragödie "Almansor" den prophetischen Satz: "Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."

Ein Jahrhundert weiter, am 10 Mai 1933, brannten in Berlin und weiteren deutschen Städten Bücher. Und das hörte in den Wochen danach nicht auf. Zehntausende Werke verfemter Autoren verkohlten auf den Scheiterhaufen der braunen Brandstifter. Die Nationalsozialisten verbrannten den gedruckten freien Geist und meinten die Menschen. Der Weg zum Holocaust war nicht mehr weit.

Heinrich Heine ist einer der Lieblingsautoren von Jens Kirsten, dem Geschäftsführer des Thüringer Literaturrats. Dieser Verein verantwortet mit der Landeszentrale für politische Bildung zum 80. Gedenktag der Bücherverbrennung ein beeindruckendes Projekt, das viele Unterstützer fand.

Was am 26. Januar mit einem Lesekonzert im Jenaer Romantikerhaus begann, seinen Höhepunkt in dieser Woche erreicht und noch bis Ende Mai andauert, hat es in Thüringen so noch nicht gegeben. Es wird, das kann man schon jetzt sagen, bleibenden Eindruck hinterlassen.

Seit Wochen sind etwa 50 Schriftsteller, aber auch Landtagsabgeordnete, Minister, Bürgermeister, Ärzte, Künstler und Kulturschaffende, eben Menschen- und Bücherfreunde aller Art, unterwegs. Sie lesen für Schüler, sie stellen verfolgte Autoren vor und diskutieren. Über Menschenrechte und über die Freiheit des Wortes.

Man trifft sich dabei nicht nur in den Schulen, sondern auch in Bibliotheken und Kinos, in Museen und Gedenkstätten. Hinzu kommen öffentlich Abendprogramme. Insgesamt sind es 150 Veranstaltungen geworden.

Es erscheine ihr sehr wichtig, mit Kindern und Jugendlichen in ein Gespräch über die Zeit des Nationalsozialismus zu kommen, sagt die Schriftstellerin Daniela Danz. Die älteren Generationen müssen den jüngeren helfen, ihre eigene Haltung zu finden. "Und bei der Gelegenheit können auch wir wieder an unserer Haltung arbeiten."

Auch ihr Rudolstädter Kollege Matthias Biskupek beteiligt sich gern. "Da viele jener 1933 verbrannten Autoren zu meinen Lieblingen gehören, von Kästner bis Tucholsky, von Erich Mühsam bis Robert Neumann, macht es mir Freude, deren Texte vorzulesen." Zudem erfahre er durch seine Mitarbeit im PEN-Zentrum einiges von heute verbotenen, verfolgten Autoren. "Das weitet die Sicht, die sich manchmal im deutschen Schlamassel verliert."

Dass beim Blick auf das Vergangene, das keineswegs vergangen ist, auch der gerade begonnene NSU-Prozess in München für Gesprächsstoff in den Veranstaltungen sorgte und weiter sorgen wird, versteht sich.

Engagierte Lehrer, Schüler, die aufmerksam zuhören, neugierig sind, selbst aktiv werden, ihre Eltern und Großeltern fragen und zu Büchern greifen. Das alles habe man sich natürlich erhofft, sagt Jens Kirsten. Aber dass es so ein Riesenerfolg würde, sei einfach überwältigend. Damit meine er nicht die Statistik, die Zahl der Anwesenden. Die sei eher nebensächlich.

"Was ich besonders toll finde, ist die Breitenwirkung. Dass von Altenburg bis Zella-Mehlis Lehrer sich auf unsere Angebote eingelassen haben, dass gerade in vielen kleinen Orten ganz wunderbare Veranstaltungen stattgefunden haben." Und weiter stattfinden werden.

Kirsten verspricht sich davon auch eine Langzeitwirkung. Man wolle über den Tag hinaus die Schüler und ihre Schulen ermutigen, sich bei künftigen eigenen Projekten an den Literaturrat zu wenden, der gern helfe.

Ermutigt fühlt sich auch der Thüringer Literaturrat selbst. Man werde, sagt Jens Kirsten, 2014 ein weitere große literarische Unternehmung für die Thüringer Schüler starten, natürlich wieder mit Partnern. Das Thema ist aus dem Geschichtskalender abgeleitet: Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg.

Jens Kirsten ist sich sicher, dass auch das neue Projekt mit vielen interessanten Angeboten die Generationen in Thüringen zusammen bringen wird.

Veranstaltungen

Eisenach,  10. Mai, 17 Uhr: Lesung   auf dem Theaterplatz Steinach,

10. Mai, ganztägig:  Leseaktion, Kiosk am Bahnhof Weimar,

10. Mai, 14 Uhr: Lesung auf dem Theaterplatz Rudolstadt,

11. Mai, 20 Uhr: Lesung mit Hans Eckardt Wenzel und Steffen Mensching in den Saalgärten. Ilmenau,

16. Mai, 19   Uhr:  Literarisches  in der Bibliothek Geisa,

16. Mai, 13.30 Uhr:  Tagung in  derGedenkstätte Point Alpha