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27.06.2005

Terroristen, Mörder und 90 Zeugen

von Ulrike Michael Ostthüringer Zeitung

Die Literaturstars des Freitagabends: Christoph Hein und Felix Huby auf der Burg Ranis

Von OTZ-Redakteurin Ulrike Michael Er versuche, nicht mehr so häufig auf Lesungen präsent zu sein, lässt der Schriftsteller Christoph Hein am Freitagabend durchblicken: "Das sind immer zwei Arbeitstage." Kostbare Zeit, in der er seinen Roman voranbringen könnte. Umso erfreulicher, dass es dem Lesezeichen e.V. in diesem Jahr gelungen ist, Christoph Hein zu den Literatur- und Autorentagen doch nach Ranis zu holen. Hein bestellt sich einen trockenen Weißwein und verweigert sich höflich aber bestimmt jeglichen Fragen nach diesem unvollendeten Werk, an dem er schon einige Monate sitzt.

Ansonsten ist er in bester Plauderlaune, gibt bereitwillig Auskunft über seine Bestellung zum Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin und seine Gründe, den Rücktritt noch vor Antritt zu erklären. Christoph Hein (Jahrgang 1944) ist eben ein Schriftsteller, der nie im Einklang lebt mit seinen Zeitgenossen und der Gesellschaft. Seine gebrochene Biografie bedingt geradezu diese Distanz und garantiert zugleich den nötigen Draufblick auf Geschehnisse. Nicht die schlechteste Voraussetzung für einen zeitkritischen Autor und im Falle Heins seit dem "Fremden Freund" von 1982 eine Erfolgsgarantie.

Seine Hauptfiguren sind keine mutigen, starken Helden. Es sind eher ernüchterte, desillusionierte Charaktere, die als winziges Puzzleteil für die sozialen und politischen Probleme im Großen stehen. Dr. Richard Zurek ist so einer. Den erfolgreichen Gymnasialdirektor und seine Familie haben am Freitagabend rund 90 Zuhörer auf der Burg Ranis kennen gelernt. Der geistige Urheber dieser Figur, Christoph Hein, hat ihn und seinen Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten" (Suhrkamp Verlag) in einer einstündigen Lesung vorgestellt.

Im Hintergrund greift der Autor einen brisanten Fall auf, der auf den heutigen Tag vor zwölf Jahren in Bad Kleinen geschah: Zwischen Polizei und RAF-Mitgliedern kommt es auf dem Bahnhof zum Schusswechsel, in dessen Folge zwei Menschen sterben. Ein Informationsdesaster folgt und bis heute bleibt im Dunklen, was wirklich passierte. Genau das wollen auch die literarischen Figuren der Familie Zurek erfahren, die ihren terroristisch eingestellten Sohn und Bruder Oliver verloren. Heins Interesse gilt primär der Frage, wie die Gesellschaft in einer solchen Situation reagiert, wie die Hinterbliebenen und der Staat. Das Terrorismus-Thema ist ihm dabei über den Weg gelaufen, erzählt der Autor, habe sich ihn quasi gesucht.

Nicht wie gewöhnlich 20.15 Uhr, sondern gegen 21 Uhr ist auf Ranis Krimizeit. Felix Huby, erfolgreicher Drehbuchautor zahlreicher TV-Produktionen (Bienzle, Schimanski, Palü) und im Vorspann meist überlesen, bedankte sich bei der "Vorgruppe Christoph Hein" und bezog leibhaftig Posten vor dem Mikrofon. Überstürzt ist er von seiner Theaterpremiere in Stuttgart abgereist, was ihn dazu zwingt, in Ranis sein eigenes, aktuellstes Buch zu kaufen: "Der Heckenschütze", des neuen Kommissar Heilands erster Fall. Huby versteht es hervorragend, ein Bild vor dem geistigen Auge seiner Zuhörer zu malen, wie der sympathische schwäbischen Ermittler durch die Großstadt in seinen ersten Mordfall taumelt. Huby spickt den Krimi mit witzigen Dialogen, in denen nicht nur Heiland und sein Berliner Kollege, sondern ganze Kulturkreise aufeinander prallen. Das ist spannend, unterhaltsam, professionell. Und als geübter Drehbuchautor inszeniert Felix Huby nach einer Stunde selbst seinen Abgang. Denn erst nach ihm kommt der Regen.(Foto: OTZ/Marius Koity)