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04.10.2008

Tellkamps Buch über die versunkene DDR

von Hans Hoffmeister TLZ

"Es war nicht alles schlecht!" Wie oft und wie bedenkenlos fällt gerade heute wieder dieser Satz hier zu Lande. Wie war es wirklich in der versunkenen DDR? Ein Autor tritt an gegen solche Nostalgie - und schreibt passend zum 3. Oktober den längst fälligen Nachwende-Roman. Er hat fast tausend Seiten und wird schon gleich nach Erscheinen von der Kritik hoch gelobt.
Der Buchtitel "Der Turm" spielt auf Goethes Turmgesellschaft an - dort wird gelehrt, sich auf das Nächste zu konzentrieren. Uwe Tellkamps Türmer versinken jedoch auf hohem Niveau in Ohnmacht - "in diesem Scheißstaat", wie Sohn Christian es formuliert. Christian will Medizin studieren, wird aber zum dreijährigen NVA-Dienst verpflichtet und durchleidet als Panzerkommandant Schikanen, Verrohung und Entrechtung.

Abends öffneten sich Türen und Traum

Zu Hause, bei Eltern und Freunden, findet man das Wernesgrüner "feiner, sprossiger, waldiger" als das Radeberger. So fein und waldig vermochte man in solch innerer Zurückgezogenheit zu formulieren. Ist wohl der Amethyst oder der Smaragd "das Eigentliche"? - Oder dies: Ihren Ellbogen küssen - ungewöhnlich aber trocken: "So küssten, dachte er, Modelleisenbahner ..." Willkürlich ausgewählte Zitate aus dem Alltag dieser zurückgezogenen Gesellschaft im Dresdener Villenviertel, aufgelesen in diesem besonderen Buch.

Insbesondere abends öffneten sich Türen und Traum, heißt es an einer anderen Stelle. Abends nämlich spielte sich meistens das tatsächliche Leben des Bildungsbürgers im Arbeiter- und Bauernstaat ab. Ein Chirurg, ein Biologe, ein Forscher, der an Manfred von Ardenne erinnert ... Sie befassen sich mit Pflanzen, Tieren, Musik, medizinischen Operationen - und konnten dies alles, wie sogar den Biergeschmack, mit äußerster Genauigkeit beschreiben. Ein Leben im Präzisen. Geruch, Geschmack, Gesten, Briefe, Tagebucheinträge, Notizen, Gratulationsreden, Schriftstellergeplapper, sächsisches "Sich-Schicken" ... Ein Leben in der Nische.

Uwe Tellkamp stellt die DDR-Welt des nachdenklichen Bürgers, der, intellektuell keineswegs abgestumpft, sondern insgeheim auf der Höhe, sich zu einer Art innerer Emigration gezwungen sah.

Es wird klar: Diese Welt ist unwirklich. Sie erfasst die Ära nach Breshnew, die letzten sieben Jahre der DDR. Reize gibt es kaum, Aufregungen sind überschaubar. "In diesem Land verpasste man wenig." Man wartet in Schlangen vor Geschäften, in Behörden, auf einen Pkw - oder die Ausreise.

Verwunschen, in Stillstand gebannt

Das Land des Fortschritts, der Zukunft zugewandt, ist "verwunschen, in Stillstand gebannt, vom Grau des Verfalls überzogen". Während in einer wunderbar rekonstruierten Villa (!) in Ostrom die "rote Aristokratie" ihre kleinkarierten Spielchen mit sich selbst, mit dem Volk und insbesondere mit dessen Intellektuellen treibt.

Der Leser kann diese "roten Aristokraten" übrigens auch andernorts nachempfinden: in einer neuen Publikation von Erich Loest. Er hat sie in Leipziger oder Dresdner Kneipen getroffen - er hätte sie vielleicht auch in Erfurter oder Apoldaer Kneipen treffen können -, wo sie hochmütig über "dieses marode System" des heutigen Deutschlands spotten und schon wieder vollmundig große Zukunftspläne schmieden ... Diese alten, unverbesserlichen Funktionäre erzählen noch immer, was sie schon bald nach der Wende weismachen wollten: etwa, dass Controlling in Unternehmen ja eigentlich nichts anderes tue, als die Stasi getan habe ...

Tellkamps Buch kommt insofern gerade noch zur rechten Zeit. Immerzu haben wir auf diesen großen Roman der Nachwendezeit gewartet. Er kommt urplötzlich und auffällig geräuschlos heraus - jetzt ist er da! Bislang in der Literatur ohne Beispiel.

Wer heute etwa bei Thomas Mann die einstige Welt des "Bürgers" nachempfinden kann, der kann hier analog die Welt des Sozialismus kennenlernen. Insbesondere spätere Generationen werden so "Erstarrung und Implosion der DDR nacherleben", vermutet etwa Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung. Tellkamp formuliert so erfindungsreich wie feinsinnig - nicht anders als seine Protagonisten: "Die Tage verloren ihre Ränder, wurden Zeit. Sonne rädelte über den Bergen hoch. Farn bekam rote Spitzen, Nebelgeister spukten in den Gründen, bevor Augusthitze sie vertrieb." - "Sie breiteten die Arme, trieben auf dem verdichteten Licht, das die Berge glasierte und sich erst in den Schluchten verlor." - "Der Körper hat eine Grenze, aber die löst sich auf, wenn ihr wartet und Vertrauen habt." - Beispiele, Zitate, wie sie schöner kaum zu formulieren sind.

Wichtiger Beitrag zur Wiedervereinigung

Der Roman leistet nebenher mit seiner unterschwelligen Analyse an einer wunden Stelle einen wichtigen Beitrag zur Vereinigung der beiden mitunter immer noch getrennten "Deutschland". Wer von denjenigen, die mit der Wende aus dem Westen hier zuzogen (und blieben), hat dieses Argument nicht schon gehört: Wer hier nicht gelebt habe, der könne "es" nicht beurteilen, der sei nicht "dabei gewesen". Dieses Argument wird schlagend entlarvt: Ihm liegen trübe Motive zugrunde, die der Abwehr von Analyse und Erkenntnis dienen, glaubt der Rezensent.

Und: Der Autor ist - sieh an - kein Zugereister, kein vermeintlich "Fremder". Er kann diesen Giftpfeil nicht auf sich ziehen. Somit vermittelt er diese Erkenntnis um so glaubwürdiger, als er tatsächlich persönlich hier lebte. Er, Jahrgang 68, war selbst der Panzerkommandant, von dem im Roman die Rede ist.

Tellkamp hat ein episches Panorama geschaffen, das auch Totalität zeige - und die wichtigen Schichten und Milieus der DDR-Gesellschaft erfasse, ist sich die Kritik weithin einig.

Am Ende wird die Truppe des Panzersoldaten Christian zum Dresdner Hauptbahnhof kommandiert. Sie soll dort gegen Demonstranten eingesetzt werden. Er will nur noch weg. Aber dann, auf einmal, schlagen die Uhren den 9. November "Deutschland einig Vaterland". Sie schlagen ans Brandenburger Tor. Und dieser letzte Satz endet sehr schön mit einem Doppelpunkt. Um diesen doppelten Punkt geht es - über den gestrigen 3. Oktober hinaus.

i Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichten aus einem versunkenen Land. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 976 Seiten, 24,90 Euro