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25.08.2013

Tagebücher und Bilder von Erika John posthum veröffentlicht

von Martin Straub TLZ

Bewegende Biografie: Erika John, Selbstporträt. Repro: Kunstverein

"Es ist schon merkwürdig, dass in unserer Epoche, diesem Vierteljahrhundert zunehmender Nachrichtenfluten, eine Künstlerin von zumindest nationalem Rang zu ihren Lebzeiten (und auch danach) so gut wie unbekannt blieb", schreibt Manfred Jendryschik zu Beginn seiner Nachbemerkung zu Erika Johns Sammelband von Tagebüchern und Bildern die den Titel "Mein Robbenloch im Eis" tragen.

 Ja, es ist merkwürdig und bitter zugleich. Doch teilt nicht die 1943 in das "Jahrhundert der Extreme" (E. Hobsbawm) hinein geborene und 2007 freiwillig aus dem Leben geschiedene Erika John ihr Schicksal mit vielen Künstlern, deren einsamer Herzschlag von niemandem erhört wurde und die so in die Vergessenheit sinken?

Es ist tröstlich, dass es wenigstens jetzt Bemühungen um ihr Erbe gibt. Dank gilt vor allem Ingeborg Stein und schließlich der Erbengemeinschaft Elke Decker, Martina Kürbs, Regina Lange und Christl Prange, dass der künstlerische Schatz von Erika John sechs Jahre nach ihrem Freitod der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde und Eingang in die Kunstsammlungen und das Archiv der Stadt Jena Eingang gefunden hat. (TLZ berichtete).

Nicht ohne Betroffenheit liest man Ingeborg Steins behutsames Nachwort "Versuch einer Annäherung", das ein vielschichtiges Lebensbild dieser faszinierenden Künstlerin gibt. In zehn nach Lebensfeldern gegliederten Kapiteln hat Ingeborg Stein eine Auswahl aus den Tagebüchern und einer geplanten Autobiografie getroffen, der das bildkünstlerische Schaffen zugeordnet ist.

Im Kinderheim

Ein leichtes Leben war Erika John nicht in die Wiege gelegt. Die Geschichte ihrer bitteren Erfahrungen gibt einen ganz eigenen Blick auf Krieg, Nachkrieg, DDR und deutsche Wiedervereinigung. Meine Kindheit "ist ein Fegefeuer, das bis heute flackert und Riesenschatten an die Wand wirft", schreibt sie in ihren Aufzeichnungen. Die Herkunft aus der "traditionsreichen kommunistischen Arbeiterfamilie des Josef Klose" bringt das sensible Kind in große innere Nöte. Denn ihre Mutter, ganz engen, kommunistischen Erziehungsidealen verpflichtet, überantwortet die Tochter acht Kinder-und Erziehungsheimen, um sie zu einer bewussten Staatsbürgerin formen zu lassen. Nicht nur das. Die Mutter "verschreibt sich und die zehnjährige Tochter 1953 blindlings und fanatisiert dem Dienst der Staatssicherheit". (I. Stein)

All das, die fehlende Wärme, Einsamkeit und das ständige Heimweh, die "Missachtung der Intimsphäre", der Drill in der Gemeinschaft bleiben nicht ohne Folgen. Das Kind und die Heranwachsende werden auf sich zurückgeworfen. Welche Kraft braucht es da, "ich" zu sagen, in welch fragwürdigem Licht muss Gemeinschaft erscheinen? Dieser seelische Schmerz treibt ihr künstlerisches Talent hervor. Die Natur wird für sie zum gemäßen Ort und Movens für ihre künstlerischen Versuche.

So formt sich ihre künstlerische Welt zu einem Gegenentwurf offiziell verordneter Kunstdiktate. Der Band macht in dieser ersten Zusammenschau deutlich, was für eine facettenreiche, filigrane Zeichnerin und Malerin Erika John ist, mit einer zuweilen heiteren Ironie bis hin zu tiefem Leid, wenn man an die verhüllten Gesichter denkt. Ihr Tagebuch ist durchzogen von oft schmerzlich schönen Naturschilderungen aus der Jenaer Umgebung, die sie als einsame Wanderin durchstreift. "Ich empfinde den Wald, Pflanzen, Tiere die gesamte nicht -menschliche Natur - als meine Familie, weil ich nur dort Schutz und Frieden gefunden habe", schreibt sie am 20. Juli 1996.

Die Wende erlebt Erika John vorerst als eine Befreiung. "Endlich Luft", heißt es im Tagebuch. Erika John stiehlt sich nicht aus der Verantwortung, sondern fühlt sich "mitschuldig" und denkt zugleich bitter über ihre Ohnmacht nach. Bilder des Bandes belegen es eindrucksvoll: Für sie kommt eine Zeit des Aufbruchs und des Experiments.

Ingeborg Steins Tagebuchauswahl und ihr Nachwort belegen freilich auch, wie die Akteneinsicht Erika John mit dem ganzen Ausmaß ihrer Tragödie konfrontiert und damit ein "Riss" durch ihr Leben geht. Die Schattenfotografien sind ein Reflex darauf. Sie selbst hält sich im Bild - zum Schatten geworden - fest.

Existenzängste

Gedanken über den Freitod durchziehen ihre Aufzeichnungen von Jugend an. Sie verstärken sich sichtlich mit den wachsenden Existenzängsten und der Einsicht, dass sie den kraftraubenden neuen Marktmechanismen nicht mehr gewachsen sein wird. Sie erstickt in der Fülle alltäglicher Bürokratie bis hin zu den kalten Hartz IV-Mechanismen.

Dieser neue Alltag wird mit sprachlicher Schärfe analysiert. Sie leidet unter dem oberflächlichem Kunstgeschwätz, dem Hang zur übermäßigen Selbstdarstellung und prägt den Begriff des "ornamentalen äußerlichen Menschen: intellektuell, interessant, blutarm kühl". All dessen überdrüssig, zieht sie sich mehr und mehr zurück, ist nicht mehr ansprechbar, ohne dabei ihren Selbstanspruch aufzugeben. Ihr gelingt es nicht mehr, ein "Robbenloch" ins Eis zu brechen,um Luft zum Atmen zu haben. Es bleibt, das Leben und Werk von Erika John weiter zu erforschen, und es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Erika John: Mein Robbenloch im Eis. Tagebücher & Bilder, Herausgegeben von Ingeborg Stein und Manfred Jendryschik, Projekte-Verlag Cornelius GmbH, Halle (Saale), 289 S., 38,50 Euro