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16.06.2003

Subtile Untersuchung der deutsch-deutschen Gegenwart

von KS Ostthüringer Zeitung

Trio aus Wein, Musik , Literatur - mit Sparschuh im Sommerpalais

Bevor die Spiele richtig beginnen, wird beim Greizer Park- und Schlossfest traditionell zum Anfang Brot für den Geist gereicht: Zum mittlerweile 14. Mal stand ein Literaturabend am Beginn der Stadtparty. Eingeladen war in diesem Jahr der 1955 in Karl-Marx-Stadt geborene Autor Jens Sparschuh. Spätestens mit seinem, inzwischen auch verfilmten Roman ,,Der Zimmerspringbrunnen" einem breiten Publikum als fulminanter Erzähler bekannt, stellte er Freitagabend im Sommerpalais sein jüngstes Werk, den soeben bei ,,Kiepenheuer und Witsch" erschienenen Roman ,,Eins zu Eins" vor.

Doch sollte der Abend mehr als nur Literarisches bieten. Das versprachen sowohl der Titel ,,In vino veritas" als auch die Organisatoren, der Verein ,,Lese-Zeichen, in dessen derzeitige ,,Thüringer Literatur- und Autorentage" die Lesung eingebunden war, die Greizer Stadt- und Kreisbibliothek und das Sommerpalais. Damit es nicht nur beim ,,Vino" im blumigen Sprichwort blieb, durften die gut 50 Gäste leichte Sommerweine aus dem Keller der Plauener Weinfachhandlung Seeling schlürfen. Und die Musik zur geistigen Erbauung lieferte der Greizer Stadtkantor Matthias Grünert mit Bach am Cembalo. Kurzum: Ein Trio aus Literatur, Wein und Musik lockte in den mit Tischen und Stühlen ausstaffierten Gartensaal des Sommerpalais. Im Mittelpunkt allerdings stand zweifelsfrei Jens Sparschuhs neues Buch.

Olaf Gruber ist der Held des 400-Seiten-Romans. Ein Kartograf, beschäftigt bei einem aus dem Westen stammenden, nun in Berlin ansässigen Landkartenverlag. Olaf Gruber, in der DDR aufgewachsen, begegnet den Lesern als Ich-Erzähler. Sein Job: Er soll den Osten neu vermessen und neue Karten erstellen. Denn die Landschaftspläne aus den Ost-Tagen der deutschen Teilung sind falsch. Gruber reist aber, zuweilen mit seiner schönen Chefin Cora Trottenburg, zu der sich eine Liebesbeziehung entwickelt, nicht nur aus diesem Grund durch die entlegenen Winkel der Mark Brandenburg. Er ist zugleich auf der Suche nach seinem Arbeitskollegen Wenzel. Dieser, so stellt sich heraus, wandelt auf den Spuren der Wenden, jenem auch archäologisch fast spurlos verschwundenen Volk, das im frühen Mittelalter in der Mark siedelte, und sucht Rethra, das sagenumwobene Heiligtum der Wenden.

Sparschuh fügt so gleich mehrere zeitliche Ebenen in seiner Konstruktion zusammen. Neben den subtilen Untersuchungen der ,,neuen deutsch-deutschen Gegenwart und dem historischen Ausflug zur Kultur der Wenden ist es auch die jüngere deutsche Vergangenheit, über die der Autor seinen Romanhelden sinnieren lässt. Mit ,,Eins zu Eins" legt Sparschuh einen weiteren Beweis seines Könnens als Erzähler vor, dem eine fulminante Sprache und die Gabe der exakten Beobachtung zu eigen ist.

,,In vino veritas" im Wein liegt die Wahrheit - ein gelungener Abend, der eigentlich in gleicher oder ähnlicher Form nach einer Fortsetzung verlangt.