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23.10.2012

"Störfall" ist verharmlosend - Lebhafte Diskussion im Romantikerhaus

von Dietmar Ebert TLZ

 

Obwohl die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima schwer und folgenreich waren, werden sie  im Alltagsbewusstsein immer wieder  ausgeblendet. Sie müssten ein Dauerthema sein und sind es doch nicht. Deshalb war der von Dr. Peter Braun angeregte und moderierte Diskurs zum „Störfall ‚Fukushima‘“ in der Reihe zum „romantischen Realismus im 21. Jahrhundert“ so wichtig. Seine Gesprächspartner waren  Ulf Erdmann Ziegler, dessen Roman „Nichts Weißes“ für den Buchpreis 2012 nominiert war, und  Prof. Dr. Carsten Gansel, ein profunder Kenner der Literatur des 20. Jahrhunderts.

Nachdem Fritjhof Vollmer (Kontrabass) und Emanuel Winter (Piano) das Publikum mit einer Sonate von J.M. Sperger begrüßt hatten, stand zunächst die Frage im Mittelpunkt, warum nicht die Katastrophe von Tschernobyl, sondern jene von Fukushima zu einem Umdenken in der Frage der zivilen Nutzung der Kernenergie und in Deutschland sogar zu einer „Wende“ in der Energiepolitik geführt hat: In der DDR wurden die Bürger nur unzureichend über die Gefahren, die von Tschernobyl ausgingen, informiert. Aus der Sicht des Westens war die sowjetische Kerntechnik veraltet und entsprach nicht den nötigen Sicherheitsstandards. So erschien die Explosion radioaktiven Materials stärker als ein Problem unzulänglicher Technik und weniger als Gefahr, die von der Kernenergie überall auf der Welt ausgeht. Zudem war in der Zeit des „Kalten Krieges“, in der in beiden deutschen Staaten Raketen mit atomaren Sprengköpfen aufeinander gerichtet waren, ein Umdenken in der zivilen Nutzung der Kernenergie schwer möglich. Die japanischen Technikkonzerne jedoch galten in Westeuropa als technologisch stark und innovativ. Mit Sicherheitsdefiziten in Kernkraftwerken wurde nicht gerechnet. Die Katastrophe von Fukushima hat  schockartig zu der Erkenntnis geführt, dass Ähnliches in jedem europäischen Industriestaat möglich ist.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil der Diskussion konnten sich Podiumsteilnehmer und Publikum bei der Elegie in A-Dur von Giovanni Bottesini entspannen.

Im Anschluss daran wurde zu klären versucht, ob die Kritik an der Nutzung der Kernenergie  Anregungen der Romantik aufgenommen habe. Einen direkten Bezug mochte Carsten Gansel nicht  sehen. Wichtig war ihm, dass DDR-Autoren wie Christa Wolf und Hanns Cibulka  in ihren Texten literarische Verfahren der Romantik aufgenommen haben. Durch  „poetische Weltbetrachtung“ und „Selbstreflexion“ wurde  eine Moderne-Kritik möglich, die Umweltaktivitäten in der Mitte der 1980-er Jahre gestärkt hat. Für Ziegler ist „Störfall“ ein verharmlosender Ausdruck für den „Super-Gau“ von Tschernobyl. Offen blieb die Frage, wie eine Bedrohung unserer Lebensgrundlagen durch Kernkraftwerke in europäischen Nachbarländern minimiert werden kann. Noch sind die Gefahren allgegenwärtig.

In diesem Sinne beschloss Ulf Erdmann Ziegler die Diskussion mit einer kurzen Lesung aus „Nichts Weißes“. Zum Ausklang spielten Fritjhof Vollmer und Emanuel Winter die Tarantella von Bottesini.