Presse - Details

 
19.06.2012

Sten Nadolny im Lese-Café auf Burg Ranis

von Michael Hametner MDR FIGARO

In Sten Nadolnys neuem Roman "Weitlings Sommerfrische" reist ein ehemaliger Richter nach einem Unfall in seine Jugendzeit zurück. Nadolny entwickelt darin ein fesselndes philosophisches Spiel mit Biografien und Identitäten, sucht nach einer tragfähigen Brücke zwischen Jugend und Alter und spielt das dazwischenliegende "Was-wäre-wenn" durch. Er folgt in "Weitlings Sommerfrische" nicht modischen amerikanischen Erzählmustern, sondern deutet Lebenswege im literarischen Spiel der Fantasie auf lebensphilosophische Weise. Darüber wird er im Gespräch mit Michael Hametner Auskunft geben.

Der Schriftsteller Sten Nadolny, Jahrgang 1942, veröffentlichte 1981 seinen ersten Roman "Netzkarte". Zwei Jahre später wurde "Die Entdeckung der Langsamkeit" zu einem Riesenerfolg, der von dem italienischen Komponisten Giorgio Battistelli sogar zu einer Oper verarbeitet wurde. Dieser Roman spielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts und erzählt die Lebensgeschichte von John Franklin, der aufgrund seiner Langsamkeit viele Schwierigkeiten hat und dennoch Schiffskapitän und Entdecker wird.

Michael Hametner über "Weitlings Sommerfrische"

19.06.2012, 07:40 Uhr | 06:15 min

http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/lesecafe-nadolny100.html

Sten Nadolny nutzt gerne das Moment des Fantastischen in seinen Romanen, so auch in seinem neuen Werk "Weitlings Sommerfrische". Im Zentrum der Handlung steht diesmal Wilhelm Weitling, Richter im Ruhestand. Seine Welt ist in Ordnung, er genießt sein Leben, hat gerade ein Buch über das Rechtsempfinden vollendet und ist in seinem Umfeld angesehen. Er erholt sich am Chiemsee in Bayern und erwartet den Besuch seiner Frau. Als Weitling allerdings eine Bootsfahrt unternimmt, kentert er und wird zu seiner Verwunderung von seinen Eltern gerettet. Er findet sich in seine Jugendzeit im Alter von 16 Jahren zurückversetzt! Weitling empfindet die Situation als sehr befremdlich, er lebt wieder bei seinen Eltern, hat seine Schulkameraden und Lehrer um sich. Einzig das Wiedertreffen mit seinem Großvater ist ihm ein Lichtblick.

Nadolny stellt mit dieser aberwitzigen Zeitreise eine interessante Frage: Würden wir zufrieden sein, könnten wir unser Leben noch einmal leben? Was würden wir ändern wollen - und was nicht?

Der Leser ist heute vielleicht eher linear erzählte Romane mit fester Verankerung in einer - zumindest möglichen - Realität gewohnt. Doch wer sich auf fantastische Gedankenspiele einzulassen vermag, wird mit "Weitlings Sommerfrische" die ideale Lektüre finden.

"Die Fantasie macht die Literatur zum Abenteuer im Kopf."

<cite> Michael Hametner, MDR FIGARO-Literaturredakteur
</cite>

Über den Autor

1942 in Zehdenick an der Havel geboren, wuchs Sten Nadolny in Oberbayern auf. Nach dem Abitur studierte er in München, Tübingen, Göttingen und Berlin Mittelalterliche und Neuere Geschichte sowie Politologie. Nach dem Staatsexamen promovierte Sten Nadolny 1976 an der Freien Universität Berlin zum Thema "Abrüstungsdiplomatie 1932/1933". Seine Stelle als Studienrat für Geschichte gab er nach kurzer Zeit wieder auf. Sten Nadolny wollte ins Filmgeschäft. Er wurde Aufnahmeleiter und sah seinen Weg als Regisseur. Zuvor hatte er sich als Taxifahrer und Vollzugshelfer im Gefängnis verdingt. 1980 erhielt Sten Nadolny für das fünfte Kapitel seines damals noch unveröffentlichten Romans "Die Entdeckung der Langsamkeit" den Ingeborg-Bachmann-Preis. 1983 erschien der fertige Roman und machte ihn sofort berühmt.

Sten Nadolny erhielt u.a. den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster, den Ernst-Hoferichter-Preis, den Jakob-Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth und war 2005 Mainzer Stadtschreiber, zudem Gastdozent für Poetik der Gegenwartsliteratur an der Universität München, "writer in residence" an der Washingtoner University, St. Louis, hatte eine Poetik-Dozentur an der Universität Göttingen inne und war Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

 

Angaben zur Sendung

MDR FIGARO-Lese-Café in Zusammenarbeit mit den Thüringer Literaturtagen

Live-Sendung:
So., 24.06.2012, 16:05-17:30 Uhr

Wiederholung:
Di, 26.06.2012, 22:30-24:00 Uhr

Ort: Burg Ranis bei Pößneck
Gast: Sten Nadolny
Moderation: Michael Hametner
Musik: Stephan König (Klavier)